Anna Reiss: Schmuck ist Kunst und Bekenntnis

Geboren im Südburgenland, hat Schmuckdesignerin Anna Reiss elf Jahre in Wien studiert und gearbeitet. 2024 führte sie ihr Weg schließlich nach Klagenfurt, wo sie im Herbst 2025 ihr eigenes Schmuckatelier eröffnen möchte. Mit uns spricht sie über Schmuck als Sprache, Zukunftsvisionen und warum die Zukunft in der Verbindung von Gegensätzen liegt.

M.U.T.: Sie haben ursprünglich Veterinärmedizin studiert. Wie kam es schließlich zum Schmuckdesign?

Anna Reiss: Bis 2021 habe ich mein Studium und mein naturwissenschaftliches Interesse ganz der Veterinärmedizin gewidmet. Aber die Faszination für das Schmieden – vom Gedanken bis zum greifbaren Objekt – war immer da. Schon als Kind habe ich winzige Dinge gesammelt, gezeichnet und Naturkunde geliebt. Ich stand mehrfach vor der Wahl: naturwissenschaftliches Gymnasium oder Modeschule? Tierärztin oder Goldschmiedin? Als ich im Herbst 2019 eine Schmuckwerkstatt an einem Tag der offenen Tür betrat, war es ein Adrenalin-Kick. Mein aufgeblühter Forschergeist führte mich an die KunstModeDesign Herbststrasse in Wien – ins Abendkolleg SchmuckDesign. Für diese Ausbildung und das dortige Netzwerk bin ich sehr dankbar. Sie wurden für mich ein wesentliches Werkzeug, einen Ausdruck zu finden. Parallel dazu habe ich 2021 mein Veterinärmedizinstudium abgeschlossen – damals noch in der Annahme, Tierärztin zu werden. Doch innerlich wusste ich längst, wohin die Reise geht.

Was fasziniert Sie am Handwerk besonders?

Mich fasziniert die Arbeit mit feinen, charakterstarken Materialien. Jedes Edelmetall verhält sich anders, jeder Stein bringt seine eigene Persönlichkeit mit. Etwas daraus zu formen, das der eigenen Fantasie entspringt, ist unglaublich spannend und herausfordernd. Es ist ein Forschen mit den Händen. Und dann ist da dieser ideelle Wert, der nicht messbar ist: Schmuckstücke sind zutiefst persönlich. Sie verbinden – mit Menschen, mit Momenten, mit Eigenschaften und nicht zuletzt mit sich selbst.

Anna Reiss am Werktisch
Die Arbeit mit Edelmetallen ist für Anna Reiss etwas ganz Besonderes. Foto: Patricia Weisskirchner

Woher nehmen Sie Inspiration für Ihre Kreationen?

Manchmal bleibt selbst mir das ein Geheimnis. Oft entstehen die Ideen im Prozess – im Tun, im Ausprobieren, im Gespräch mit Menschen. Ich liebe es, in Themen zu arbeiten und mit meinen Schmuckstücken in ein faszinierendes Universum einzutauchen – sei es das Meer, das Weltall oder etwas ganz Persönliches. Meine neueste Schmuckkollektion „LUMILIBERATE COLORIOSITY“ umfasst 12 Silberringe – jeder mit individuellem Design und Farbe. Sie ist eine Ode an die Vielfalt der Menschen und daran, wie unterschiedlich Ausdruck sein darf.

Welche Materialien kommen dabei zum Einsatz?

Ich arbeite mit fair gehandelten und recycelten Edelmetallen – Silber, Gold, Platin. Viele meiner Schmuckstücke tragen funkelnde Steine: Echte Edel- und Schmucksteine ebenso wie synthetische Varianten. Die Arbeit mit Edelmetallen ist für mich etwas Besonderes. Sie sind extrem beständig und lassen sich dennoch formen, wieder einschmelzen, neu aufbauen, verändern, reparieren – dieses Potential zur Wandlung fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Ring aus Rotgold mit Saphiren
Anna Reiss arbeitet mit fair gehandelten und recycelten Materialien sowie hochwertigen Steinen. Foto: Anna Reiss

Handarbeit braucht Zeit – wie erleben Sie die Spannung zwischen traditionellem Handwerk und unserer schnellen Welt?

Die größte Herausforderung liegt für mich im Tempo. Handwerkskunst ist nicht schnell. Sie braucht Zeit – zum Wachsen, Verwerfen, Neu-Denken. Und genau das macht ihren Wert aus. Für mich ist es ein Privileg, diesem Handwerk Zeit und Raum widmen zu können – und ich weiß, wie kostbar das ist.

„Ich bin überzeugt: Handgefertigter Schmuck wird als eine Art der Sprache und des Ausdrucks seinen Wert behalten.Anna Reiss

Wie sehen Sie die Zukunft handwerklicher Berufe?

Ganz generell: Ich sehe es als Aufgabe von uns MacherInnen eine spürbare Nahbarkeit zum Handwerk zu vermitteln und gemeinsam im Austausch zu bleiben. Daraus kann eine lebendige und kreative Zukunft entstehen. Die Gegenwart – und damit auch die Zukunft – liegt für mich in der Verbindung von Gegensätzen: Alt und Neu, Tradition und Innovation. Offenheit für Wandel ist essenziell. Derzeit experimentiere ich mit 3D-Visualisierung und 3D-Druck. Ich sehe darin keinen Ersatz, sondern eine Ergänzung zur klassischen Goldschmiedekunst – mit neuen Möglichkeiten. Was mir die computergestützte 3D-Technik bisher beigebracht hat: Auch sie braucht viel Zeit, Geduld und Lernbereitschaft.

Sie wollen im Herbst 2025 ein Atelier in Klagenfurt eröffnen. Was ist Ihre Vision dafür?

Meine Vision ist es, einen kleinen Ort zu schaffen, der frei von Bewertung ist – ein kreativer Safe Space. Ein Ort, an dem Altes und Neues, Intuition und Handwerk, Neugierde und Fantasie aufeinandertreffen. Ein Ort des Tuns, des Teilens und des Erfindergeists. Im Herbst 2025 wird dieses Atelier in der Klagenfurter Innenstadt Wirklichkeit – im obersten Stock eines wunderschönen Atlbaus in der Kramergasse. Es soll nicht nur Werkstatt sein, sondern auch eine Einladung an alle, sich mit dem Handwerk vertraut zu machen: In kleinen Workshops fertigen wir dann gemeinsam ein Schmuckstück aus Silber.

Weitere Informationen und Shop unter: www.annareiss.com

Fotocredit: Anna Reiss, Patricia Weisskirchner

Manuela Mark
Manuela Mark
Autorin | Kärnten
Ressorts: Start |Up, Life | Style, Leben |Arbeiten
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