„Am Ende bleibt eins und eins zwei“

Wirtschaftsbund-Landesobmann Jürgen Mandl im M.U.T.-Interview über den Arbeitskräftemangel und seine katastrophalen Folgen.

M.U.T.: Die Wirtschaft sucht händeringend nach Arbeitskräften. Aber wo sollen sie herkommen?

Jürgen Mandl: Dass es demografisch immer weniger Jugendliche gibt und sich auch die Lebenseinstellung vieler Menschen verändert hat, führt zu einem zunehmenden Arbeits- und Fachkräftemangel, der beinahe alle Branchen trifft. Deshalb weist die Wirtschaft seit Jahren darauf hin, dass es zum Beispiel notwendig ist, mehr Frauen zum Wiedereinstieg ins Erwerbsleben oder zum Umstieg von Teil- auf Vollzeitjobs zu motivieren. Gleichzeitig wird aber kein Weg daran vorbeiführen, Österreich für qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland attraktiver zu machen, zum Beispiel über Verbesserungen bei der Rot-Weiß-Rot-Karte.

Junge Mütter ins Arbeitsleben drängen – wie passt das zur Familienpartei ÖVP?

Der Wandel der Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass immer öfter beide Elternteile zum Familieneinkommen beitragen. Das entspricht nicht nur dem neuen Selbstbild vieler Frauen, sondern ist auch eine Voraussetzung für ihre bessere soziale Absicherung – Stichwort: Pension. Die Wirtschaft kämpft seit langem für eine flächendeckende und zeitlich flexible Kinderbetreuung, damit jene Mütter, die berufstätig sein wollen, das auch können. Da geht es nicht darum, jemanden zu etwas zu drängen, sondern um tatsächliche Gleichberechtigung. Aber hier gibt es noch viel Luft nach oben.

Wirtschaftsbundobmann Jürgen Mandl
Wirtschaftsbundobmann Jürgen Mandl

Was können oder müssen ältere Menschen beitragen?

Ich bin überzeugt davon, dass es viele ältere Mitarbeiter gibt, die gerne länger im Erwerbsleben bleiben würden, das muss ja kein Vollzeitjob sein. Seine Erfahrungen weiterzugeben, einen geordneten Übergang zu haben, wäre für viele sicher ein Angebot. Selbstverständlich muss das finanziell attraktiv sein, das heißt, es muss steuerliche Erleichterungen für jene geben, die über das Pensionsalter hinaus aktiv bleiben wollen. Wir verlangen das seit Jahren, allerdings noch nicht mit durchschlagendem Erfolg. Die Wirtschaft kann und will auf das Know-how und die Lebenserfahrung der „Bestager“ nicht verzichten.

Die Wirtschaftskammer macht wieder Stimmung für „mehr Netto vom Brutto“. Ist das noch zeitgemäß?

Immer mehr. Wir würden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne besser bezahlen, aber von den jährlichen Einkommenssteigerungen hat bisher der Staat den größten Teil über die kalte Progression abkassiert. Die wurde vor kurzem von Finanzminister Brunner zum Großteil abgeschafft. Man muss aber berücksichtigen, dass in den Lohnnebenkosten auch die Sozial- und Pensionsversicherungsbeiträge drinstecken.

Warum Sind Sie ein Teilzeit-Gegner?

Das bin ich nicht. Ich würde nie einer jungen Mutter oder einer Person mit Pflegeverpflichtungen vorwerfen, dass sie nicht Vollzeit arbeiten. Aber wir haben in Österreich rund 400.000 Menschen, die ohne ersichtlichen Grund nur einen Teilzeitjob machen. Nur einen Teil einzubringen, aber die Leistungen voll zu beanspruchen, bringt unser Sozialsystem an seine Grenzen. Daher suchen wir nach Möglichkeiten, mehr Menschen wieder für Vollzeitjobs zu begeistern. Uns geht ja nicht die Arbeit aus, sondern die Arbeitskräfte.

Schwingt hier der Wunsch nach Sozialabbau mit?

Wir können auf unser Sozialsystem weltweit stolz sein. Aber dass der Faktor Arbeit in Österreich steuerlich so hoch belastet ist wie sonst selten in Europa, hat zweifelsohne in Verbindung mit den hohen Sozialleistungen auch Auswirkungen auf die Bereitschaft vieler, sich mit voller Kraft in den Arbeitsprozess und die Wertschöpfung einzubringen. Bei allem Verständnis für soziale Sicherheit: Wer kann, soll gefälligst die Ärmel hochkrempeln. Und wer nicht kann, dem wird geholfen.

Was halten Sie von den aktuellen Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung?

Das ist eine einfache Rechnung: Wenn wir jetzt schon nicht genügend Mitarbeiter haben, wird das Problem durch weniger Arbeitszeit noch größer, die Waren noch teurer, die Inflation noch höher. Schon heute melden uns 40 Prozent der Betriebe, sie könnten mehr Umsatz machen, aber haben keine Leute. Bis 2040 entsteht in Österreich eine Lücke von 363.000 Personen im erwerbsfähigen Alter. Bis 2030 sind es Kärnten 30.000 bis 35.000 Arbeitnehmer, die fehlen. Wenn wir jetzt auch noch alle weniger arbeiten – wie soll sich das ausgehen?

Das klingt besorgniserregend.

Das ist es auch. Es ist eine Zukunfts- und Standortfrage, denn wir sind drauf und dran, die künftigen Herausforderungen nicht mehr meistern zu können. Mag sein, dass sich die Gesellschaft fundamental verändert; aber am Ende des Tages bleibt eins und eins immer noch zwei. Und wenn niemanden mehr die Arbeit machen will, werden wir an Wirtschaftskraft und Wohlstand verlieren. Und dann ist das Jammern groß.

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