Es ist ein böses Erwachen: Jahrzehntelang hat die Politik die militärische Verteidigungsfähigkeit Europas kaputtgespart und sich zu Lande, zu Wasser, in der Luft und im Cyberspace auf die Hilfe der USA verlassen. Die Aggression Russlands im Osten und die Sezession der USA aus dem transatlantischen Bündnis im Westen setzt die EU nun unter massiven Druck.
1989 schien es geschafft: Die Sowjetunion zerbröselte, die Berliner Mauer fiel, Osteuropa machte sich auf den Weg in den Westen. Der Kapitalismus hatte den Kommunismus besiegt, der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verkündete „Das Ende der Geschichte“. Spätestens seit damals stand in Europa nicht die strategische Sicherheit, sondern der Ausbau von Wohlfahrt und Sozialleistungen im Vordergrund. Die Drecksarbeit überließ man lieber dem starken Onkel aus Amerika, der nicht nur den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg – Marshallplan, Sie erinnern sich? – geschultert hatte, sondern nun auch noch Militärbasen in Deutschland, Italien, Spanien, England und Osteuropa aufbaute und unter dem Feigenblatt der NATO den milliardenteuren Werksschutz für die Europa AG übernahm.
Aus der Traum
Doch in den vergangenen Monaten hat der erratische US-Präsident Trump die militärischen Schwarzfahrer kräftig aus ihren Hängematten gebeutelt. In der jüngsten US-Sicherheitsdoktrin definieren die USA ihre Rolle jenseits des Atlantik neu: Bis 2027 muss Europa den Großteil seiner konventionellen Verteidigung selbst übernehmen und dafür tief in die – meist ohnehin leere – Tasche greifen: Bis zu 3,5 Prozent des BIP sollen NATO-Staaten künftig für ihre Verteidigung selbst lockermachen. Der Schock sitzt tief.
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Doch mit jeder Woche, in der die Erkenntnis sickert, dass die Welt in eine neue Phase eingetreten und Europa dafür im wahrsten Sinn des Wortes nicht gerüstet ist, wächst auch die Aufbruchstimmung. Sicherheit wird auf einmal wieder als Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlstand begriffen; nicht nur in den NATO-Strukturen, sondern zunehmend auch in eigenständigen Innovations- und Technologieansätzen europäischer Staaten. Die Austrian Defence Innovation Conference 2026 (ADIC) in Klagenfurt ist dafür ein beispielhaftes Signal: ein Ort, an dem militärisches Denken, zivil-technologische Kreativität und wirtschaftlicher Innovationsgeist zusammenfinden, um Europas strategische Autonomie technologisch zu untermauern.
Innovation als neue Währung der Sicherheit
Von 28. bis 30. Jänner 2026 traf sich die europäische Sicherheits- und Technologieszene im Makerspace Carinthia sowie im Lakeside Science & Technology Park in Klagenfurt. Die ADIC gilt als eine der innovationsorientiertesten Defence-Konferenzen Europas und hat sich zum Ziel gesetzt, die oft getrennten Welten von Verteidigungsbedarf, Forschung und wirtschaftlicher Anwendung zu verknüpfen. Dual-Use-Technologien – also Systeme, die sowohl zivile als auch militärische Herausforderungen umfassen – standen im Fokus, von quantenbasierter Kryptografie über Schutzmaterialien bis zu kognitiver Sicherheit und Robotik.

Nach der Industrie- jetzt die Sicherheitsstrategie
Organisiert wurde das dreitägige Event vom Klagenfurter René Cerne, Oberstleutnant und „Defence Innovation Futurist“, im Auftrag des Bundesministeriums für Landesverteidigung. „Die ADIC und die Defence Innovation Challenge sind der zentrale Motor für ein österreichisches Defence-Innovationsökosystem, in dem Bundesheer, Industrie, Forschung und Start-ups systematisch zusammenarbeiten“, erklärte Cerne bei der Eröffnung und stellte damit die Konferenz als praktisches Labor für die Sicherheits- und Industriestrategie der Zukunft dar.
Wirtschaft als Partner der Landesverteidigung
Zentrale wirtschaftspolitische Akteure aus Kärnten betonten den doppelten Wert der ADIC: für die Sicherheit wie für den Standort. Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Mandl hob hervor: „Solche Veranstaltungen machen sichtbar, welche Innovationskraft in Kärnten vorhanden ist. Sicherheit hat durch die aktuelle geopolitische Situation massiv an Stellenwert gewonnen, davon soll auch die Wirtschaft entsprechend profitieren.“ Damit verband Mandl nicht nur einen Appell zur Unterstützung der verteidigungsnahen Ökosysteme, sondern auch die Perspektive, dass wirtschaftliches Engagement in sicherheitstechnologische Felder neue Märkte und Wachstumschancen eröffnet.
Militärische und wirtschaftliche Resilienz im Fokus
Auch WKO-Vizepräsidentin Carmen Goby betonte die Bedeutung der Schnittstellen: „Die ADIC zeigt, wie viel Potenzial in der Vernetzung von Start-ups, Forschung und etablierten Unternehmen steckt. Genau solche Plattformen brauchen wir, damit aus Ideen schneller marktfähige Lösungen werden.“ Goby verwies explizit darauf, dass Innovationen im Sicherheits- und Verteidigungsbereich nicht nur die militärische Leistungsfähigkeit stärken, sondern auch die wirtschaftliche Resilienz Europas insgesamt – gerade angesichts globaler Konkurrenz und strategischer Unsicherheiten.

Hackathons, Challenges und konkrete Lösungen
Das Programm der ADIC 2026 war breit gefächert: Mehrere „Defence Challenges“ und ein intensiver Hackathon brachten rund 20 Start-ups und Forschungsteams zusammen, die innerhalb weniger Tage Technologien und Konzepte präsentieren mussten. Die Jury bewertete Projekte zu Themen wie quantensicherer Kommunikation, modularen Schutzsystemen oder kognitiver Risikoanalyse in Einsatzumgebungen. Die Preisgelder – bis zu 30.000 Euro im Hackathon – unterstrichen die konkrete Förderung praxisnaher Innovationen.
Schneller vom Labor zur Truppe
Eine zentrale Botschaft der Veranstaltung lautete: Technologie muss schneller von der Idee in die Anwendung auf dem Gefechtsfeld gelangen – nicht zuletzt, damit künftige Herausforderungen frühzeitig antizipiert und wirkungsvoll bekämpft werden können. In diesem Sinne vermittelte die ADIC nicht nur Impulse, sondern auch greifbare Netzwerke zwischen militärischen Bedarfsträgern und zivilen Innovatoren.
Kärnten als regionaler Knotenpunkt
In diesem Verteidigungs-Ökosystem entwickelt sich Kärnten zunehmend zu einem strategisch wichtigen Standort für die Drohneninnovation. Mit dem Lakeside Science & Technology Park, der größten Drohnenhalle Europas und dem Outdoor Drone Space Austria (ODSA) verfügt das Bundesland über eine europaweit einzigartige Infrastruktur und positioniert sich als regionaler Knotenpunkt im europäischen Drohnen- und Sicherheitsökosystem. Peter Weidinger, Unternehmensberater für Defence Ecosystems, unterstreicht die strategische Dimension: „Entscheidend ist der dauerhafte Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Bedarfsträgern. Drohnen sind universell einsetzbar – von der Landwirtschaft bis zur Inspektion kritischer Infrastruktur.“
Austausch mit der Universität Klagenfurt
Wie rasant sich autonome Drohnensysteme entwickeln und welche strategische Bedeutung ihnen künftig zukommt, zeigte Mark Höpflinger, Leiter des Schweizer Drohnen- und Robotik-Zentrums des VBS, in seiner Keynote beim ADIC auf.
„In Zukunft wird man als Mensch hunderte oder tausende Drohnen überwachen, die autonom fliegen“, so Höpflinger. Um dieses Potenzial verantwortungsvoll zu nutzen, sei eine enge Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichen Bedarfsträgern entscheidend – dabei dabei sieht Höpflinger auch konkrete Anknüpfungspunkte für eine künftige Zusammenarbeit im Bereich der Drohnen und deren Abwehr mit österreichischen Forschungseinrichtungen, der sicherheitsrelevanten Technologie- und Industriebasis von Österreich – und auch mit der Universität Klagenfurt.

ADIC setzt Impulse
Die ADIC 2026 hat gezeigt, dass Europas Remilitarisierung und Modernisierung nicht allein in Aufrüstung und Hardware besteht, sondern in der intelligenten Verknüpfung von Wissen, wirtschaftlicher Stärke und strategischer Weitsicht. Die Konferenz hat Impulse gesetzt – für Dual-Use-Technologien, für Industrie-Partnerschaften und für eine Sicherheits-Ökonomie, die sich in Europa zunehmend als gemeinsamer Nenner etabliert. Ob sie künftig zu einem dauerhaft wirkenden Innovationsmotor im sicherheitspolitischen Gefüge wird, hängt nicht zuletzt von der Nachhaltigkeit dieser Vernetzungsprozesse und der politischen Unterstützung auf nationaler wie EU-Ebene ab. Die Planung der ADIC 2027 in Klagenfurt ist schon angelaufen.
