Abwandern oder Aufbrechen? Warum Kärnten die nächste Generation nicht verlieren darf

Kärnten verliert seine Zukunft nicht auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt. Junge Menschen gehen zum Studieren, zum Arbeiten, zum Leben. Und viele kommen nicht zurück. Was wie ein demografischer Trend wirkt, ist in Wahrheit ein strukturelles Warnsignal. Eine neue Standortstudie der Jungen Wirtschaft Kärnten in Kooperation mit UNIFORCE zeigt: Die „Next Generation“ – also junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren – fühlt sich vom Bundesland zu oft übersehen, unterschätzt und strukturell ausgebremst.

Eva Wutte und Nika Basic bei der Pressekonferenz der Jungen Wirtschaft Kärnten
Eva Wutte und Nika Basic stellen die Ergebnisse der Studie vor. Foto: WKK, Peter Just

Ein Vertrauensverlust, der früh beginnt

Fast 40 % der Befragten, überwiegend aus Kärnten, äußern sich negativ über die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Bundesland. Besonders besorgniserregend: Die Skepsis setzt nicht erst beim Berufseinstieg ein, sondern oft schon in Schul- oder Studienzeiten. Die Standortentscheidung wird also früh gefällt. Meist gegen Kärnten.

„Die Standortunzufriedenheit setzt in einem Alter ein, in dem noch keine echten Erfahrungen mit dem Arbeitsmarkt gemacht wurden. Das ist ein fatales Signal.“
Eva-Maria Wutte, Geschäftsführerin der Jungen Wirtschaft Kärnten

Ein stiller, aber stetiger „Brain Drain“ ist die Folge und trifft vor allem jene, die besonders qualifiziert oder ambitioniert sind. Wer einmal weg ist, sieht aktuell wenig Gründe, zurückzukehren.

Was ist Brain Drain?

Als Brain Drain bezeichnet man die Abwanderung gut ausgebildeter, qualifizierter Menschen wie z.B. Fachkräfte, AkademikerInnen oder GründerInnen, aus einer Region oder einem Land. Sie verlassen ihren Herkunftsort, weil sie andernorts bessere Chancen für Karriere, Einkommen oder Lebensqualität sehen. Zurück bleibt ein Mangel an Innovation, Know-how und Zukunftsperspektiven. Besonders betroffen sind strukturschwächere Regionen, die dadurch langfristig an wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Nicht nur ein UnternehmerInnenproblem

Die Ergebnisse betreffen weit mehr als nur GründerInnen. Viele junge Menschen sehen insgesamt zu wenig Perspektiven. Die Kritik reicht von mangelnden Eigentumschancen über fehlende Branchenvielfalt bis hin zu niedrigen Einstiegsgehältern und einem teils praxisfernen Bildungssystem. Besonders Angestellte und SchülerInnen empfinden den Standort als unattraktiv. Die einzige Ausnahme bilden Selbstständige und unternehmerisch denkende junge Menschen. Sie bewerten das Förderumfeld positiver und nehmen mehr Gestaltungsspielraum wahr. Dennoch zeigt sich, ohne wirtschaftlich lebendige Rahmenbedingungen ist auch Unternehmertum kein Selbstläufer.

Wie sehen Sie die Perspektiven in Kärnten für junge Menschen?

Kein Anschluss unter dieser Region?

Als Hoffnungsträger gilt die Koralmbahn; schneller von A nach B, mehr Arbeitsmobilität, bessere Vernetzung. Doch ohne funktionierende Anschlussmobilität verpufft ihr Potenzial. Was nützt ein Schnellzug, wenn keine Radwege, Busverbindungen oder Sharing-Angebote ankommen? Die Forderung der Studie: ein modulares Mobilitätskonzept inklusive S-Bahn-Ausbau, On-Demand-Verkehren nach steirischem Vorbild, Bike-&-Ride-Angeboten und einer stärkeren Verzahnung mit ländlichen Regionen. „Die Koralmbahn darf kein Symbol exklusiver Infrastruktur werden, sondern muss zur Lebensader für ganz Kärnten werden,“ sagt Nika Basic, WK-Vizepräsidentin & Landesvorsitzende der Jungen Wirtschaft Kärnten.
Gerade RückkehrerInnen entscheiden nicht nur rational, sondern emotional. Wer sich angebunden fühlt, denkt auch über Rückkehr nach.

Nika Basic
Nika Basic, WK-Vizepräsidentin Kärnten. Foto: WKK, Peter Just

Die versteckte Botschaft: Mitwirken

Zwischen den Zahlen und Zielen der Studie zeigt sich eine klare Erwartungshaltung: Junge Menschen wollen keine PR-Kampagnen, sondern echte Mitgestaltung. Sie suchen nach Signalen, dass ihre Ideen zählen und dass die Zukunft nicht in eingefahrenen Denkmustern erstickt.

„Die nächste Generation erwartet kein Schulterklopfen. Sie will Wirkung entfalten können.“ Nika Basic

Das betrifft nicht nur Politik, sondern auch Wirtschaft, Bildung, Medien und Gesellschaft. Wenn junge Menschen ihre Rolle als gleichwertige Mitgestaltende nicht einnehmen können, gehen sie dorthin, wo das möglich ist.

Was jetzt passieren muss

Die Studie endet nicht mit der Diagnose, sondern liefert klare Maßnahmen. Sie fordert:

  • einen zentralen One-Stop-Shop für junge GründerInnen und RückkehrerInnen
  • ein Wohnbauprogramm für junge Menschen mit Eigentumsförderung
  • moderne, duale Studiengänge mit Anschluss an die regionale Wirtschaft
  • mutige Mobilitätskonzepte, die periphere Regionen aktiv mitdenken
  • und: Partizipation, nicht als Buzzword, sondern als Haltung

Was bleibt, ist ein Appell: Wer bleiben soll, muss auch gefragt werden. Und wer zurückkehren soll, muss einen echten Grund dafür sehen jenseits von Heimatromantik.

Talente binden heißt Zukunft sichern

Kärnten hat junge Talente. Aber viele davon sind nur noch zu Besuch. Die Region steht vor der Entscheidung. Will sie junge Menschen als lästige Fordernde sehen oder als ZukunftspartnerInnen? Wer die nächste Generation verliert, verliert mehr als Menschen.
Er verliert Möglichkeiten.

Franziska Haiduk
Franziska Haiduk
Redakteurin | Kärnten
Ressorts: Öko | Logisch, Life | Style, Leben | Arbeiten
haiduk@mut-magazin.at

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