Die Millionenshow

Klagenfurt, neben einem der schönsten Seen Europas gelegen,besticht mit seinem mediterranen Altstadt-Flair, verwundert durch seinen tiefen Dornröschenschlaf und irritiert zutiefst durch eine unter Österreichs Landeshauptstädten beispiellose Selbstaufgabe der Politik.


Zwischen dem sagenumwobenen Schilda und dem ehemaligen Lindwurmnest in den Sümpfen der Wörthersee-Ostbucht gibt es erstaunliche Ähnlichkeiten: Beide Städte machten vor der – im Falle Schildas bereits legendären – Verblödung durch ihre Klugheit von sich reden. Klagenfurt war geradezu unglaublich fortschrittlich: Wer würde heute annehmen, dass hier das erste Fernheizkraftwerk Österreichs in Betrieb genommen (1947), das erste Wohnhochhaus Österreichs erbaut (1955, 13 Stockwerke, 68 Wohnungen) und die erste Fußgängerzone Österreichs eingerichtet (1961) wurde? Diese kommunale Kreativität und politische Umsetzungskraft ist in den vergangenen Jahrzehnten vom Wörtherseemandl gründlich weggespült worden. Seit Jahren steht die Landeshauptstadt nur mehr wegen eines an der Großmannsucht der Verantwortlichen gescheiterten Stadionneubaus, geradezu skurriler Personalentscheidungen und notorisch leerer Kassen im Gerede.

 

Klagenfurt am Wörthersee – ein Etikettenschwindel

Diese politische Selbstaufgabe ist umso bedauerlicher, als Klagenfurt alle Chancen auf einen Spitzenplatz unter den smart cities in Europa hätte: Wie die EU kürzlich festgestellt hat, sind Mittelstädte – Kommunen zwischen 100.000 und 500.000 Einwohnern – mit Abstand die lebenswertesten Plätze auf dem Planeten. In Österreich liegen Salzburg, Graz und Innsbruck im Spitzenfeld, Klagenfurt ist ein paar Tausend Einwohner zu klein. „Mittelstädte sind eine faszinierende Zielgruppe“, sagt smart cities-Projektleiter Univ.-Prof. Rudolf Giffinger von der Technischen Universität (TU) Wien. „120 Millionen Menschen leben in rund 600 Städten dieser Größe, das sind knapp 40 Prozent aller Stadtbewohner Europas. Sie haben enormes Potenzial und stehen dennoch oft im Schatten der großen Metropolen. Sie haben Schwierigkeiten, sich zu positionieren, kämpfen manchmal mit Imageproblemen und werden von Investoren übersehen. Dabei haben sie einen bedeutenden Vorteil: Aufgrund ihrer Größe sind sie flexibel und können mit Smartness punkten.“ Schön wär’s. Von Flexibilität und Cleverness ist in Klagenfurt nichts zu bemerken. Erst vor wenigen Jahren erkannten die Stadtverantwortlichen das enorme Positionierungspotential als Stadt am See und fügten den Wörthersee an den Stadtnamen. Dabei liegt Klagenfurt nach wie vor eher neben dem Wörthersee, hat es doch Jahrzehnte gedauert, bis das Univiertel samt Lakeside Park ein voll integrierter Stadtteil mit der entsprechenden Verkehrsinfrastruktur wurde. Auf einem der schönsten Seegründe Österreichs leistet sich die Stadt eine Hundebadewiese und einen Campingplatz, und der Lendkanal, ein in Mitteleuropa einzigartiger Wasserweg vom See bis ins Stadtzentrum, fristet sein Dasein als leblose Algenzuchtplantage.

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