WISSEN IST MACHT – NICHTS WISSEN MACHT DOCH ETWAS.

Wissen ist Macht – nichts wissen macht nichts, witzelten die Sponti-Sprüche der Siebziger. Das war schon damals nicht richtig, heute ist es gefährlich falsch: Wer sich nicht selbstständig – im Unternehmersinne von selbst und ständig – um seine Grund-, Aus- und Weiterbildung kümmert, wird schneller den Anschluss an die im Entstehen begriffene neue Welt verlieren, als er Arbeitsamt sagen kann. Von Peter Schöndorfer

Khadija Niazi lebt in Lahore in Pakistan. Sie war elf, als sie einen MOOC (Massive Open Online Course) der Standford University im Silicon Valley besuchte, gemeinsam mit 160.000 anderen Wissbegierigen aus 190 Ländern. Sie alle hörten dieselben Vorlesungen, erhielten dieselben Übungsaufgaben und legten dieselben Prüfungen ab wie die Studenten auf dem Campus – nur eben online. 23.000 bestanden die Abschlussprüfung und erhielten ein Zertifikat, darunter Khadija. Übrigens war unter den 248 Teilnehmern mit Bestnote kein einziger von der Eliteuni Stanford; deren Star kam erst auf Platz 413. Alle vor ihm absolvierten den Kurs online, von irgendwo auf dieser schönen neuen Welt. Besonders boomt die Bildung in Asien, wo die neuen Technologien auf eine aufnahmebereite Kultur und ein hohes Maß an Disziplin treffen.

Österreich ist anders
In Österreich gehen die Uhren etwas anders. Im September präsentierte die OECD ihre weltweite Studie „Bildung auf einen Blick“, in der das heimische Schulsystem durchwachsen abschneidet: Seine Kosten liegen in allen Schulbereichen deutlich über, seine Ergebnisse spürbar unter dem Durchschnitt. In Österreich verdienen Lehrer schon am Anfang ihrer Berufslaufbahn mit 30.600 Euro pro Jahr mehr als der OECD-Schnitt (27.800 Euro), an deren Ende schlagen satte 70.000 Euro zu Buche (OECD: 51.300 Euro). Weil in Österreich 36 Prozent der Lehrer über 50 sind und im Durchschnitt der anderen Länder nur 30 Prozent, wirken sich die hohen Personalkosten zum Laufbahnende hin auch überproportional in den gesamten Bildungsausgaben aus. Dafür kommen hierzulande im Schnitt in allen Schulformen weniger Schüler auf jeden Lehrer, der dafür weniger Stunden unterrichtet als der OECD-Schnitt (607 Stunden statt 694). Die österreichischen Eigenheiten läppern sich: Von der Volksschule bis zur Uni kostet ein Schüler bzw. Student in Österreich pro Jahr 12.800 Euro, im OECD-Schnitt sind es nur 9.300 Euro.

Wenig „Bildungsmobiltat“
Überdurchschnittlich sind leider nur die Aufwendungen, nicht die Resultate heimischer Bildungsanstrengungen. „Das Bildungsniveau der Erwachsenen in Österreich spiegelt die Herkunft ihrer Eltern und deren Bildungsniveau wider“, fassen die OECD-Analysten zusammen. In Zahlen: Weniger als 20 Prozent der Österreicher haben einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Österreichische Frauen (17 Prozent) liegen damit am letzten Platz der Statistik, Männer (18 Prozent) am viertletzten. Zum Vergleich: Bei den Frauen führen Russland und Singapur mit jeweils 70 Prozent, bei den Männern Indonesien mit 87 Prozent. Demgemäß steigt zwar der Anteil der heimischen Bevölkerung mit einem tertiären Bildungsabschluss (Uni oder FH), liegt aber immer noch unter dem OECD-Schnitt. Auffällig ist die Beliebtheit von Kurzstudien, die hierzulande doppelt so häufig gewählt werden wie in anderen Ländern.

Berufsorientierte Bildung ist top
Traditionell gut schneidet Österreich allerdings bei der berufsorientierten Bildung ab. 44 Prozent der 15- bis 19-Jährigen absolvieren eine Lehre (21 Prozent, OECD-Schnitt: 6,7 Prozent) oder besuchen eine Berufsbildende mittlere und höhere Schule (23 Prozent, OECDSchnitt: 18 Prozent). Dafür gibt Österreich im Vergleich aber auch den dritthöchsten Beitrag pro Schüler in einer BMHS aus: 14.700 Euro (OECD: 8.900 Euro). Ein AHS-Schüler kostet da nur 11.800 Euro (OECD: 8100 Euro)

Ohne Bildung keine Arbeit
In einer arbeitsteiligen, globalisierten Informationsgesellschaft kommt der Bildung, der Ausbildung, dem Wissen ihrer Mitglieder eine immer größere Bedeutung zu. Schon heute sind Personen, die lediglich über einen Pflichtschulabschluss verfügen, in höchster Gefahr, Stammkunden beim Arbeitsmarktservice zu werden. Die Lage der „NEETs“ (Not in Education, Employment or Training), also jugendlicher Erwachsener zwischen 20 und 24, die sich weder in einer Ausbildung, noch einem Berufstraining noch einem Arbeitsverhältnis befinden, ist beinahe ausweg- und perspektivenlos. Das sind zwar in Österreich nur 11,7 Prozent dieser Altersgruppe (OECD: 17 Prozent), aber immerhin auch 61.000 Personen. Schon seit Jahren hat Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl daher eine Ausbildungspflicht bis 18 gefordert, die im Juli auch vom Nationalrat beschlossen wurde. Bundeskanzler Christian Kern ging kurz darauf noch weiter und will die Ausbildungspflicht bis 25 verlängern.

Kärnten knapp an New York
Für die heimische Wirtschaft sind qualifizierte, engagierte Mitarbeiter unverzichtbar. Das Bildungsniveau ist dabei einer der großen Standortvorteile Kärntens: Beim Anteil der Erwerbstätigen mit mindestens Lehre oder Matura liegt Kärnten in einem Vergleich des „Standard“ aus dem Juni auf Basis von OECD-Zahlen knapp hinter New York und noch vor Bayern auf dem ausgezeichneten zweiten Platz. Allerdings beträgt das an die Kaufkraft angepasste verfügbare Einkommen pro Kopf in Kärnten nur knapp mehr als die Hälfte von New York. Kärntens Unternehmer wissen, wie wichtig die Qualifikation ihrer Mitarbeiter ist, und unterstützen sie daher nicht nur mit Lippenbekenntnissen: In den vergangenen 15 Jahren haben die heimischen Betriebe über die Wirtschaftskammer mehr als 50 Millionen Euro in Ausbildung und Bildungseinrichtungen in Kärnten investiert. WK-Präsident Jürgen Mandl: „Das zeigt, wie unverzichtbar die Wirtschaft in Wahrheit als Partner der Bildungspolitik in Österreich und in Kärnten ist. Bildung und Wissen sind heute ausschlaggebend für die Standortqualität und die Wettbewerbsfähigkeit. Denn unsere hochqualifizierten, tatkräftigen Mitarbeiter sind die wichtigste Ressource, auf die sich Kärnten und seine Wirtschaft stützen kann. Und wir tun viel dafür, den Vorsprung in Sachen Bildung zu halten und auszubauen.“

Eines der ältesten und bekanntesten Beispiele ist das Wirtschaftsförderungsinstitut WIFI, das in Kärnten soeben 70 Jahre alt geworden ist. Aus bescheidenen Anfängen hat sich die größte Erwachsenenbildungsinstitution Kärntens entwickelt: Heute besuchen rund 30.000 Teilnehmer jährlich die etwa 3000 angebotenen Kurse, Vorträge und Veranstaltungen, um sich selbst weiterzubilden, die eigenen Aufstiegschancen zu erhöhen und durch ihr größeres Know-how die Kärntner Wirtschaft noch stärker zu machen. Zur Wissensinitiative der Wirtschaft gehört auch das Test- und Ausbildungszentrum (TAZ), das bei seiner Inbetriebnahme im Jahr 2012 europaweit einzigartig war und heute schon einige Nachahmer, etwa in der Steiermark, gefunden hat. Mittlerweile haben 17.000 junge Menschen das dreieinhalbstündige Testverfahren mit seinen 23 Stationen durchlaufen, um ihr Stärken und Talente besser kennenzulernen. Mandl: „Das ist aus unserer Sicht eine wesentliche Voraussetzung dafür, die richtige Berufswahl zu treffen, denn wer diesen Einstieg gut erwischt, wird später mit sich, seinem Job und seinem Betrieb viel Freude haben.“

Wie viel Motivation einem das eigene Können geben kann, zeigt sich an den zahleichen Teilnehmern bei den regelmäßig stattfindenden Lehrlingswettbewerben. Um die Besten ihres Faches noch besser zu machen, hat die Wirtschaftskammer die Talenteakademie nach dem Vorbild des ÖSV gegründet, die die Jugendlichen durch spezielle Trainings in ihrer mentalen Stärke, beim Teamwork und natürlich in ihrer Fachkompetenz unterstützt. Mandl: „So bereiten wir jährlich 120 Ausnahmetalente auf Wettbewerbe, Europa- und Weltmeisterschaften vor.“ Wie zum Beispiel die Restaurantfachfrau Franziska Ehgartner, die im vergangenen Jahr bei den World Skills in Sao Paolo die Goldmedaille im Bereich „Restaurant Service“ nach Kärnten geholt hat. Und der Titel „Berufsolympiade“ besteht zurecht: Gegen die Weltbesten anzutreten, bedeutet für Ehgartner 1500 Stunden Training mit einem ganzen Team an Top-Spezialisten über viele Monate – und der Wettbewerb selbst dauert vier Tage. Insgesamt hat das kleine Österreich dort bei über 1000 Teilnehmern aus fast 60 Ländern acht Medaillen geholt.

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