Kommt die Arbeit 4.0

Wieder einmal steht die Welt vor einer industriellen Revolution, der vierten. Nach der Dampfmaschine, der Automatisierung und der Mikroelektronik soll nun die Digitalisierung aller Lebensbereiche einen neuerlichen Umsturz in Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringen. Viele fürchten, dass uns tatsächlich bald die Arbeit ausgeht. Und was wird dann aus der Freiheit?

Mit Ausnahme jener Oberschicht, die in allen Zeiten und Kulturen von den Herausforderungen – und Beglückungen – der Erwerbsarbeit befreit war, ist Arbeit für fast alle Menschen seit jeher ein entscheidender Lebensfaktor. Sie schafft Einkommen, weitgehende persönliche Freiheit in vielen Lebensentscheidungen und damit über die Selbstbestimmung hinaus auch die Selbstbestätigung. Oftmals gibt diese unserem Leben neben der materiellen Absicherung auch Sinn und Struktur. Fehlt sie, ist neben dem Lebensstandard meist auch die gesellschaftliche Anerkennung und die soziale Einbindung gefährdet.

Sozialer Aufstieg der Arbeit
Geschichtlich gesehen war der Begriff Arbeit von Beginn der Menschheit an meist verbunden mit Mühsal, Schmerz und Armut. Die Griechen betrachteten den Müßiggang als höchstes Gut, den sich freilich nur eine winzige Minderheit an Aristokraten leisten konnte. So blieb es auch im römischen Reich, wo Cicero schrieb: „Alle Handwerker befassen sich mit einer schmutzigen Tätigkeit; denn eine Werkstatt kann nichts Edles an sich haben.“ Erst das Christentum machte mit der Arroganz der Besitzenden Schluss: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, sagt der Apostel Paulus. Darauf berief sich – immerhin eineinhalb Jahrtausende später – auch Martin Luther in seinem revolutionären Aufsatz „An den christlichen Adel deutscher Nation“: „Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat. Zum anderen sündigst du gegen deinen Nächsten.“

Aber es sollte bis ins Zeitalter der Aufklärung dauern, bis sich die Arbeit als allgemeine Bürgertugend durchsetzte. Thomas Hobbes, ein Mathematiker und Staatstheoretiker des 17. Jahrhunderts, nannte die Arbeit zum ersten Mal eine „Quelle des gesellschaftlichen Reichtums“. Adam Smith unterschied bereits zwischen „produktiver Arbeit“ und „unproduktiver Arbeit“: Dazu zählten für Smith so gut wie alle Tätigkeiten, die seit den Griechen von größter Bedeutung gewesen waren: Politik, Justiz, Militär und Religion. Auch das, was wir heute „Kunst und Entertainment“ nennen, fiel darunter: Schauspieler, Opernsänger, Possenreißer, Musiker, Tänzer etc.

Vom Aufstand der Weber zur Nutzmenschhaltung
In der ersten industriellen Revolution, als sich der frühe Kapitalismus an der Erfindung der Massenproduktion austobte und die britische Stadt Manchester aufgrund der inferioren Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Lohnsklaven sich auf ewig in die Lehrbücher der Wirtschaftstheorien einschrieb, war Arbeit ein Schrecken. Einen anderen Zugang hatten charismatische Unternehmerpersönlichkeiten wie der „Schuhkönig“ Thomas Bata, der aus dem mährischen Zlin (das damals, 1894, zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte) die erste funktionalistische Stadt der Welt errichtete, eine einzige große Firma für 30.000 Menschen: Seine Arbeiter lebten in einem für damalige Zeiten geradezu luxuriösen Umfeld in normierten Siedlungen mit Lebensmittelläden, Schulen, Krankenhäusern, Stromversorgung, zwei Zeitungen und einer Radiostation, die die Stadt über Straßenlautsprecher mit den Botschaften Batas beschallten. Der Wermutstropfen: Alles gehörte der Firma, Disziplin stand im Vordergrund, der Rhythmus des öffentlichen Lebens richtete sich nach den Arbeitszeiten in der Fabrik. 80 solche Fabrikstädte baute Bata, von Frankreich über Ägypten bis Indien, eine sogar in der Schweiz, 1930 war er Weltmarktführer. Heute noch beschäftigt der Konzern über 30.000 Mitarbeiter, besitzt 40 Produktionsstätten in 26 Ländern und betreibt 4.600 Schuhläden.

Batas bahnbrechende Vorstellungen des sozialen Wohnbaus existieren zum Teil heute noch und haben – wie auch andere ursprünglich von Großkonzernen betriebene Wohnprojekte, Werkssiedlungen oder Gartenstadtkonzepte – Architekturgeschichte geschrieben. Allen gemeinsam ist, dass die Wohnqualität in jenen Objekten, die erhalten geblieben sind, heute noch begehrt ist. Viele der damaligen Behausungen boten ausreichend Wohnfläche und ein Gärtchen für Freizeit, Gemüseanbau und Kleintierzucht – etwas, wovon die Opfer der bis heute in modernen Wohnsilos praktizierten „Nutzmenschhaltung“ (© Konrad Lorenz) nur träumen können.

Das Ende der Arbeit – und ihre Zukunft
So lautete schon 1996 der Titel eines Buches des US-Soziologen und Ökonomen Jeremy Rifkin, der 2012 beim Innovationskongress sogar in Kärnten sprach. Er sagte bereits vor zwanzig Jahren eine dramatische Steigerung der Arbeitslosigkeit aufgrund des Siegeszugs der Automatisierung und die absehbare digitale Revolution voraus. Auf der Zeitachse war Rifkin allerdings etwas voreilig: Er ging davon aus, dass bis 2010 nur noch zwölf Prozent der Weltbevölkerung in der Produktion arbeiten würden; bis 2020 sollten es gar nur noch zwei Prozent sein.

So dramatisch ist es bisher nicht gekommen; aber der Trend ist unabwendbar und nimmt Fahrt auf: Arbeit im gestrigen und heutigen Sinne wird in hochentwickelten Volkswirtschaften zum knappen Gut. Die Industrie 4.0, also die digitale Vernetzung von Produktionsanlagen, wird mit einer fortschreitenden Automatisierung die Flexibilität in der Herstellung revolutionieren und den ebenso teuren wie unzuverlässigen Faktor Mensch weiter reduzieren. Ein konkretes Beispiel: Lager für Maschinen aller Art müssen mit geringsten Fertigungstoleranzen hergestellt werden. Ist die Abweichung größer als ein paar Mikrometer, muss die Charge aussortiert werden. In der Industrie 4.0 teilt der Steuerungscomputer des Lagerherstellers dem digitalen Kollegen, der anderswo auf der Welt die Ausnehmungen für die Lager – zum Beispiel in ein Getriebegehäuse – fräst, die Unregelmäßigkeit mit. Die Lagersitze werden um die Differenz vergrößert, die etwas zu groß geratenen Lager ohne jeden Qualitätsverlust für das Getriebe verbaut. Nach Einbau der fehlerhaften Charge wird auf Normgrößen rückgestellt, der menschliche Kontrolleur vom Computer über die getroffene Maßnahme informiert.

Schwindet mit der Arbeit auch das Einkommen?
Zu diesen enormen Schüben – evolutionär (auf dem Bisherigen aufbauend) oder disruptiv, also das Bisherige verdrängend – kommt die fortschreitende Digitalisierung vieler weiterer Bereiche der Arbeitswelt: Statt Bankmitarbeitern stehen schon heute Automaten in den Bankfoyers, und bis zum fahrerlosen Taxi ist es nicht mehr weit. Dazu kommt die schnelle Weiterentwicklung der Robotik, deren oft seltsam anmutende Geschöpfe immer mehr manuelle menschliche Tätigkeiten ersetzen können. Was John Hagel, einen Senior Expert des US-Beratungsunternehmens Deloitte mit mehr als 200.000 Beschäftigten weltweit, optimistisch stimmt, wie er kürzlich in einem „Standard“-Interview sagte: „Im Moment haben wir eine Wirtschaft, die die Menschen sehr stark einschränkt. Jobs sind heute sehr spezifiziert, standardisiert, es gibt enge Abläufe. Wir schreiben Prozesshandbücher, die einem genau sagen, was man wann machen muss. Solche Aufgaben können Roboter aber tatsächlich viel besser. Ich freue mich also darauf, dass uns Maschinen und künstliche Intelligenz diese Arbeit abnehmen werden. Wir können uns dann überlegen, was wir besser können als die Maschinen.“ Das sollten wir allerdings rasch tun, meint auch der optimistische Herr Hagel, denn der Umbruch werde sehr rasch kommen: „Wenn man sich den Fortschritt bei Robotern, was Agilität und Mobilität betrifft, ansieht oder bei künstlicher Intelligenz, geht das alles viel schneller voran, als wir noch vor einigen Jahren dachten. Es werden am Anfang vielleicht zuerst die alten Jobs wegfallen und die neuen erst später kommen. Das schafft Risiken.“

Diese Botschaft ist mittlerweile auch bei Arbeitnehmerorganisationen angekommen. Zwar war es bei den vergangenen industriellen Revolutionen auch so, dass es nach einiger Zeit mehr und bessere Arbeit gab als vorher. Aber erstens dauerte der Übergang von einer Evolutionsstufe zur nächsten meist Jahrzehnte; zweitens konnte nicht jeder Beschäftigte den Wandel mitmachen und verbrachte oft den Rest seines Lebens in Armut oder auf dem Arbeitsamt; und drittens gibt es keine Garantie dafür, dass uns diesmal nicht wirklich die Arbeit ausgeht. Viele Menschen fürchten zu Recht, dass mit der Arbeit auch das Einkommen und der persönliche Wohlstand knapp werden. Politische Konzepte, wie eine weitgehend arbeitslose Gesellschaft funktionieren soll, sind rar, und Kanzler Kern lobt unverdrossen die Vollbeschäftigung als höchstes Ziel aus. Aber: Das gab’s nur einmal, das kommt nie wieder.

Was tun wir ohne Arbeit?
Aber es könnte tatsächlich auch eintreten, was einer der bedeutendsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts, John Maynard Keynes, im Jahr 1928 in Aussicht stellte: Die Lösung des „wirtschaftlichen Problems“ der Menschheit binnen hundert Jahren, „unter der Annahme, dass keine bedeutenden Kriege und keine erhebliche Bevölkerungsvermehrung mehr stattfinden“. Das war zwar beides grundfalsch, die Prognose könnte dennoch stimmen. Keynes erkannte aber auch sofort den Haken: „Das wirtschaftliche Problem, der Kampf ums Dasein, war bisher immer die wichtigste, die allerdinglichste Aufgabe der Menschheit. Wenn das wirtschaftliche Problem gelöst ist, wird die Menschheit eines ihrer traditionellen Zwecke beraubt sein. Ob das eine Wohltat ist?“

Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung, mahnte Keynes, werde der Mensch damit vor seine wirkliche Aufgabe gestellt: „Wie seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszufüllen ist, die Wissenschaft und Zinseszins für ihn gewonnen haben, damit er weise, angenehm und gut leben kann.“ Denn für den durchschnittlichen Menschen ohne besondere Begabungen sei es eine „beängstigende Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen – besonders, wenn er nicht mehr mit der Heimat oder den Sitten und Gewohnheiten oder den geliebten Gepflogenheiten einer traditionellen Gesellschaft verwurzelt ist.“ So dürfte Keynes, dessen Theorie von der defizitfinanzierten Konjunkturpolitik Generationen von Sozialisten in allen Parteien als wissenschaftliches Alibi für immer neue Staatsverschuldung missbraucht haben, tief im Herzen ein Konservativer gewesen sein. Die Freude darüber sollte aber nicht darüber hinwegtrösten, dass wir Gefahr laufen, mit der Arbeit auch ein Stück Freiheit zu verlieren.

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