COWORKING – GEMEINSAM STATT EINSAM

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Der grundlegende gesellschaftliche Wandel macht vor der Arbeitswelt nicht halt : Der über Jahrzehnte ausgeübte Nine-tofive-Job bei derselben Firma ist ein Auslaufmodell. Neue Formen der Arbeit sprießen und verändern auch den Arbeitsplatz als Erwerbszentrum und/oder Lebensinhalt.

Der Angestellte, Lebensrealität und -ziel von Generationen unselbstständig Erwerbstätiger, stirbt aus. Und mit ihm die Vorstellung, jahrzehntelang auf dem gleichen Arbeitsweg ins selbe Büro zu fahren, um von Montag bis Freitag acht Stunden am Tag ähnliche, mit der Zeit vielleicht höherwertige und besser bezahlte Tätigkeiten zu verrichten, fünf Wochen im Jahr Urlaub zu haben und mit 60 in den wohlverdienten (Vor-)Ruhestand zu gehen. Die Ursachen des Umbruchs sind vielfältig, wie die Bosch-Stiftung in einer Studie über die Zukunft der Arbeitswelt kürzlich untersuchen hat lassen. Einerseits führt die Globalisierung der Arbeitsteilung zu einer Verschiebung der weltwirtschaftlichen Kraftzentren weg von Europa. Andererseits verursacht die Durchdringung wirtschaftlicher Prozesse mit Informations- und Kommunikationstechnologien eine Beschleunigung, Verdichtung und Wissensintensivierung von Prozessen, denen geringqualifizierte Menschen vielfach nicht mehr folgen können. Und die Individualisierung und Feminisierung der Gesellschaft haben weitreichende Folgen für das Verhältnis von Beruf und Familie. Über allem schwebt ein gesellschaftlicher Wertewandel, der zwar das Denken in Kategorien der Nachhaltigkeit stärkt, aber auch zunehmend die Skepsis gegenüber konventionellem Wachstumsdenken wachsen lässt. Was den einen als blankes Schreckensszenario erscheint, ist für die anderen eine willkommene Flexibilisierung ihres Arbeitslebens. Coworking heißt die neue Zauberformel, die in den vergangenen Jahren mehrhundertprozentige Zuwachsraten aufwies und es mittlerweile weltweit auf 2500 Coworking-Spaces gebracht hat. Dabei erklärt die leistbare Büroinfrastruktur nur einen Teil des Booms, mindestens ebenso wichtig sind die sozialen Kontakte mit anderen Coworkern, die sehr häufig über kurz oder lang in geschäftliche Projekte münden.

 

Dabei handelt es sich keineswegs mehr um Sonder- oder Einzelfälle. „Schon heute arbeiten 40 Prozent der Erwerbstätigen in Teilzeitformen und auf Basis von Praktika oder Werkverträgen“, erklärt Martin Maitz, Mitbegründer des Kärntner Innovationskongresses und Mitglied des Vereins zur Förderung neuer Arbeitswelten. Dazu kommt, dass mittlerweile mehr als die Hälfte aller Unternehmen in Österreich nur mehr einen Chef, aber keine Mitarbeiter haben. Die meisten dieser allein in Kärnten mehr als 15.000 Ein-Personen-Unternehmer (EPU) arbeiten von zuhause aus. Maitz: „Da fällt einem aber mit der Zeit die Decke auf den Kopf, außerdem ist man dort schon von der Infrastruktur her vielleicht nicht so professionell aufgestellt, wie es heute nötig ist.“ Unterstützt wird der Boom zweifelsohne von einem gesellschaftlichen Megatrend, der shared community: Statt Dinge zu besitzen, wollen immer mehr Menschen sie lediglich nutzen können – ganz gleichgültig, ob es sich dabei um Büroraum, Maschinen, Wissen, Bücher, Wohnungen oder Autos handelt. Jeremy Rifkin, US-amerikanischer Soziologe, Ökonom, Publizist sowie Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends und bereits beim Innovationskongress in Kärnten zu Gast, hat diese Entwicklung schon zur Jahrtausendwende in seinem Buch „Access“ – Das Verschwinden des Eigentums beschrieben: Das Industriezeitalter sei endgültig vorüber, der Kapitalismus ändere sich radikal – und mit ihm unser ganzes Leben. Die Formel des kommenden Zeitalters laute: Access, Zugriff, Zugang. Der rasche Zugriff auf Ideen, Güter und Dienstleistungen zähle mehr als dauerhafter und schwerfälliger Besitz. Das bleibt nicht ohne Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben im Alltag, bei der Arbeit in der Freizeit und beim Konsum. Wissenschaftliche Studien über Coworking existieren bisher kaum. In seiner Diplomarbeit untersuchte der Student Lukas De Pellegrin

 

Herkunft und Wünsche der Coworker in Berlin, der europäischen Hauptstadt des Coworking: Die meisten sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, 40 Prozent sind Frauen. Fast die Hälfte sind Programmierer, Webdesigner oder sonstige IKT-Spezialisten, aber auch die Werbebrache, Grafiker und Architekten sind stark vertreten. Coworker leben in Projekten: Sie dauern durchschnittlich sechs Monate, ein Viertel sogar weniger als zwei Wochen. Einmal im Space angekommen, nutzen sie während ihrer Arbeitszeit neben Computer und Schreibtisch vor allem Küche, Drucker und Ablagen für ihre Tätigkeit. Dem folgen Freizeitangebote und Räume für Kommunikation. Für den größeren Hunger sollten sich im weiteren Umfeld des Coworking Spaces unbedingt Restaurants oder Imbisse und Lebensmittelläden befinden, sagt die Studie aus Berlin. Auch in Kärnten finden die ersten Projekte mittlerweile regen Zuspruch – so rege, dass der Klagenfurter Vorreiter in Sachen Coworking Space, „Hafen 11“ in der Tarviser Straße, ausgebucht ist. Zwölf Arbeitsplätze – inklusive Internet, Infrastruktur, Reinigung, Besprechungsräume etc. – um 186 Euro Bruttomonatsmiete sind hier auf Initiative der Architekten Barbara Steiner und Christoph Abel entstanden. Und das nächste Gemeinschaftsbüro nimmt derzeit gleich um die Ecke in der Linsengasse Formen an: Die „Anlegestelle“ wird fünf fixe und einen temporären Arbeitsplatz bieten. Steiner: „Den wollen wir im Sinne der neuen Sommerfrische gemeinsam mit Tourismusbetrieben wochenweise an Urlauber vermieten, die auch ein bisschen was zu tun haben.“ Außerdem gibt es einen Shop, der monatsweise zur Präsentation oder zum Verkauf von Produkten der Klagenfurter Kreativwirtschaft zu mieten sein wird. Auf diesen besonderen Menschenschlag setzt auch das „COQUARTIER“ in der Villacher Lederergasse, die mit diesem

 

Modell aus Kooperation, Innovation und Raum den Straßenzug beleben und die Innenstadt bereichern soll. Das Projekt versteht sich weniger als klassischer Coworking-Space, sondern als Ort, an dem kreative und kooperationswillige Unternehmen zueinander finden können. Eine andere Ausrichtung bietet seit Feber die World of Working (WOW) in der Villacher Nikolaigasse 22, mit 600 Quadratmetern Bürofläche und 40 fixen und flexiblen Arbeitsplätzen der größte Coworking Space Kärntens. Das Konzept mit dem Schwerpunkt Social Entrepreneurship wurde gemeinsam von der heutigen Leiterin Sabrina Schifrer, Robert Rogner junior, Martin Maitz und Harald Schellander im Verein zur Förderung neuer Arbeitswelten entwickelt. Schifrer selbst ist auf das Zukunftsthema Coworking im Rahmen eines Erasmus-Stipendiums in Berlin gestoßen, wo sie im Rahmen einer Projektarbeit 40 Leiter von Coworking Spaces weltweit interviewt hat. Sie setzt stark auf die Kooperation zwischen Unternehmen und jungen Künstlern und pflegt intensive Kontakte nach Slowenien und Kroatien. Am Stadtrand im Grünen befindet sich der ungewöhnlichste Villacher Coworking Space, die BizFarm von Franz und Johann Pacher. Rund um das Projekt Villach Air Terminal, das die verfügbaren Flüge der sieben nächstgelegenen Flughäfen und passende Angebote für Flughafen-Shuttles und Unterkünfte in einer Informationsquelle bündelt, entwickelt der Wirtschaftskammerpräsident ein Coworking-Projekt mit dem Schwerpunktthema Mobilität, das von Büroflächen in der früheren Bäckerei – samt mobiler Einrichtung – bis zum persönlichen Coaching für Start-ups reicht. Die ehemalige Werkshalle ist nicht wiederzuerkennen, obwohl sich ihr Zweck nicht geändert hat: Es geht ums Brötchenbacken, früher aus Teig, heute aus Ideen und Projekten. Für Pacher der richtige Schritt zur richtigen Zeit: „Wenn sich die Welt verändert, wird die Art der

 

Menschen, ihre Arbeit zu verrichten, nicht gleichbleiben können. Unternehmer müssen immer in die Zukunft blicken, denn dort spielt sich ihr Erfolg ab.“ Diese Zukunft wird, geht es nach Martin Maitz, jedenfalls interessant werden. Fab-Lab heißt der nächste Schritt in die Coworking-Welt: High-tech-Werkstätten mit hochwertigen Geräten, Labortechnik etc., die gemeinschaftlich genutzt werden. Die Mieter können Unternehmer sein, Studenten, engagierte Bastler – und aus den unterschiedlichsten Motiven und Herangehensweisen sollen spannende Arbeitsgemeinschaften und in weiterer Folge kommerziell erfolgreiche Projekte entstehen. Denn die Zukunft hat soeben erst begonnen.

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