GELD ALLEIN MACHT NICHT GLÜCKLICH …

R…es gehören noch Grundstücke, Gold und Aktien dazu, soll der Komiker Danny Kaye gesagt haben. Viel weniger lustig finden viele Unternehmer, dass ihnen Banken für zukunftsträchtige Investitionen nur mehr dann Geld borgen, wenn sie ohnehin selber genügend am Sparbuch haben. Die Banken bestreiten die Kreditklemme: Es mangle an interessanten Projekten. M.U.T. macht den Reality-Check.

 

Die Kreditklemme ist wie das Ungeheuer von (Sommer-)Loch Ness: In der heißen Urlaubszeit sprießen die Spekulationen und treibt die Phantasie wilde Blüten; manche wollen es gesehen haben, aber niemand kann es beweisen. Besonders publikumswirksam hob Kessie, die Kreditklemme, ihren hässlichen Kopf bereits im Oktober vergangenen Jahres – allerdings nur, um ihn zu schütteln: Keine Klemme, konstatierte die Wirtschaftskammer, nachdem sie 500 Unternehmen zur Kreditpolitik ihrer Hausbanken befragt hatte. „Eine Kreditklemme gibt es Gottseidank in Österreich nicht“, resümierte Präsident Christoph Leitl damals im Nachrichtenmagazin Format. Mit einem Nachsatz: „Das heißt: im überwiegenden Fall nicht.“ Allerdings würden sich die Banken immer stärker gegen Kreditausfälle absichern.

 

Seltsam nur, dass das erzürnte Gemurmel bei der Bank abgeblitzter Unternehmer nicht verstummen will. Einen Kredit über 100.000 Euro, so lautet das möglicherweise leicht pointiert überlieferte Rumoren, bekomme nur, wer Haus, Hof, Firma und Gattin verpfände – und ein Sparbuch über 80.000 Euro hinterlege. Bestätigt wurde dieser Verdacht erst durch das Coming-Out eines Brancheninsiders im April dieses Jahres: „Natürlich ist was dran an der Kreditklemme“, erzählte Albert Wagner, Chef der VKB Bank in Oberösterreich, dem Kurier frei von der Leber weg: „Weil die Branche das Geld selbst braucht.“ Die strengeren Eigenkapitalvorschriften, die ursprünglich die Krisenfestigkeit der Banken verbessern sollten, sind also mittlerweile eine Bremse der – ohnehin flauen – wirtschaftlichen Dynamik in Österreich.

 

Im Juni war Kessie aber schon wieder abgetaucht: Die Erste Bank gab Entwarnung, es gebe keine Kreditklemme, das Geld sei vorhanden, aber die KMU würden nur zögerlich nachfragen. Lediglich 13 Prozent würden in den kommenden Jah-ren mit steigenden Fremdfinanzierungen rechnen, 23 Prozent – fast ein Viertel – gar mit einem Rückgang, geht aus einer Imas-Umfrage im Auftrag der Erste Bank und Sparkassen hervor. „Den Kreditbedarf sehen wir konstant – zwei Drittel werden in den kommenden Jahren keinen Kredit aufnehmen, ein Drittel will das”, so Gregor Deix, Leiter KMU und Großkunden in der Erste Bank, gegenüber der APA. „Leider ist die Nachfrage noch nicht so angesprungen, wie wir uns das wünschen.“ Die Großunternehmen würden zunehmend alternative Finanzierungen in Anspruch nehmen und auf den Kapitalmarkt gehen. Paradoxerweise sei infolge der Hochwasserschäden im zweiten Halbjahr infolge des Wiederaufbaus mit einem leichten Anstieg der Kredite zu rechnen.

 

Die Imas-Umfrage lässt tatsächlich den Schluss zu, dass Österreichs Unternehmer derzeit andere Sorgen haben als (Fremd-)Kapital: Oberste Priorität bei den Befragten hat die Sicherheit für Einlagen (73Prozent). Dahinter folgen das Vorhandensein von „Online-Lösungen für Kommerzkunden“ (67 Prozent) und die „rasche, unbürokratische Abwicklung von Kundenwünschen“ (66 Prozent). Erst am unteren Ende der wichtigsten Kriterien der eigenen Hausbank rangiert das „Angebot an kurzfristigen  Überbrückungskrediten“ bzw. das „Angebot an langfristigen Investitionskrediten“ (48 Prozent).

 

Stimmt alles nicht, entgegnen die Kreditschützer: Sie schlugen Mitte Juli Alarm, weil sich die Kreditbedingungen verschärft hätten – und halten mit einer eigenen Umfrage (1700 Unternehmer) dagegen. Banken würden die Bonität verstärkt prüfen, Unternehmen würden für einen Kredit mehr Sicherheiten wie Bürgschafts- und Haftungserklärungen brauchen und es gebe Zinserhöhungen bei den Darlehen, warnte Gerhard Weinhofer (Creditreform): „Zwei Drittel der befragten Unternehmen haben ausgesagt, dass sich die Finanzierungsbedingungen verschärft haben. Das ist eine Zunahme um fast zehn Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. 31 Prozent der befragten Unternehmen waren mit Zinserhöhungen konfrontiert.“

 

Ende Juli bestätigte nun auch die Nationalbank, was in Unternehmerkreisen längst zum Small-Talk jedes Sommercocktails zählt: Banken vergeben weniger Kredite an Firmen. Dies zeigt eine Umfrage über das Kreditgeschäft im Juli 2013, die die Zentralbanken des Euroraums – in Österreich die OeNB – gemeinsam mit der Europäischen Zentralbank (EZB) durchgeführt haben. Doch das Urteil der Nationalbankiers ist – wer hätte anderes erwartet – salomonisch: Nicht nur die österreichischen Banken haben ihre Kreditrichtlinien im Firmenkundengeschäft im zweiten Quartal 2013 zum fünften Mal in Folge per Saldo geringfügig verschärft – gleichzeitig war auch die Kreditnachfrage der Unternehmen wegen geringerer Investitionen weiterhin rückläufig. Als wichtigster Faktor wurde wie bei der letzten Befragung ein etwas niedrigerer Finanzierungsbedarf für Anlageinvestitionen bzw. für Fusionen und Übernahmen genannt. Dieser Nachfragerückgang dürfte sich in der Einschätzung der befragten Banken auch im dritten Quartal 2013 fortsetzen.

 

Während allerdings der Bankensektor mit Milliarden und Abermilliarden Euro aus öffentlichen Töpfen vor den fatalen Folgen seiner teils absurden Fehlspekulationen gerettet wurde und wird, ist von den sinkenden Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) bei den österreichischen Kreditkunden aus dem Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in den vergangenen Monaten genau nichts angekommen, geht aus dem Kreditbericht der OeNB hervor. Im Gegenteil: Offenbar aus Risikogründen ziehen die Banken die Zinsschraube leicht an.

 

Im Gegenzug lassen sie immerhin bei den Kreditnebengebühren mit sich reden, unter dem Strich bleiben die Kosten also gleich. Restriktiv sind die Banken jedoch nach Ansicht der Kunden aus dem Kreis der KMU bei den Sicherheiten, bei Nebenvereinbarungen über das Geschäftsgebaren der Kunden, bei Garantien und zusätzlichen Informationen: Jahresabschlüsse und die persönliche, wenn auch oft jahrzehntelange Bekanntschaft mit dem Kunden reichen den Banken oft nicht mehr. Andererseits hat die KMU Forschung Austria jüngst festgestellt, dass sich das Rechnungswesen der KMU in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat, was den Zugang zu Kapital wesentlich erleichtert: Eine profunde Unternehmensplanung mit Budgets und Finanzplänen einschließlich einer Cash-Flow-Vorschau – das sollten heute selbst für kleine Unternehmen keine unüberwindlichen Kredithürden mehr sein.

 

Eine schwache Geldnachfrage bestätigt indes auch das Wifo: Laut dem jüngsten, Anfang August vorgestellten Investitionstest hätten in Österreich von den KMU, also von den Unternehmen bis zu 250 Beschäftigten, mehr als drei Viertel überhaupt keinen Kreditbedarf. Rund zehn Prozent der Unternehmen seien mit den Kreditkonditionen zufrieden, zwischen sechs und elf Prozent hätten Kredite zu schlechteren Bedingungen als erwartet erhalten. Prädikate wie „von der Bank abgelehnt“ oder „wegen inakzeptabler Bedingungen nicht genommen“ bewegten sich im einstelligen Prozentbereich. Am härtesten tut sich die Bauwirtschaft, deutlich besser geht es Gewerbe, Handwerk und Dienstleistungen.

 

Unter dem Strich ist die Kreditvergabe an Unternehmen im Halbjahr bis zum Frühjahr 2013 um fünf Prozent auf 40,4 Milliarden Euro zurückgegangen. Ein deutliches Zeichen der Konjunkturflaute, wie sie am Konjunkturbericht für Gewerbe und Handwerk der KMU Forschung Austria im zweiten Quartal 2013 abzulesen ist: Aufträge und Umsätze sind im Jahresabstand bei Gewerbe und Handwerk um 3 Prozent gesunken, im Handel um 4,3 Prozent. Nur bei den Dienstleistungen sind sie um schwache 1,7 Prozent gestiegen. Zwei Drittel der rund 4000 befragten Unternehmen bis zu 250 Beschäftigten erwarten in den nächsten Monaten beim Auftragseingang keine Veränderung, der Rest etwa je zur Hälfte eine Verbesserung oder eine Verschlechterung.

 

Aktuelle Wirtschaftsdaten geben hingegen Anlass zu Optimismus: Die Wirtschaft könnte das konjunkturelle Jammertal durchschritten haben, im krisengeschüttelten Frankreich legte das BIP im zweiten Quartal um 0,5 Prozent zu, in Deutschland gar um 0,7 Prozent. Doch schon gehen die Wirtschaftsweisen daran, den aufbrandenden Jubel zu dämpfen: Nachholeffekte wegen des langen Winters, nach eineinhalb Jahren längst fällige Investitionen in Maschinen und Ausrüstung, kein Grund zur Euphorie.

 

Das endgültige Ende der Rezession sieht anders aus. Ein Silberstreif am Horizont ist der statistische „Ausreißer“ aber allemal.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.