Ja zu K

Der wilde Süden Österreichs ist ein Sonderfall von der brutalen Gegenreformation über das Attentat auf einen Landeshauptmann bis zu irrwitzigen 24 Milliarden Euro an Haftungen für die größenwahnsinnige Landesbank. Findet Kärnten den geistigen Anschluss an Europa oder bleibt es eine arme Provinz im tiefen Hinterland? Wählen Sie jetzt.

 

Kärnten ist ein Land der Superlative – leider fast ausschließlich der negativen. Wer auf Google nach dem verknüpften Begriff „Schlusslicht Kärnten“ sucht, erhält über 74.000 Treffer. An der Spitze stehen nicht, wie vielleicht erwartet, Fußballergebnisse, sondern das Wirtschaftswachstum, die Baukonjunktur und die Kompetenzen des Landesrechnungshofes, die allerdings kürzlich im Landtag deutlich ausgeweitet und an ein mitteleuropäisches Niveau herangeführt wurden.

 

Bei den Wirtschaftsdaten ist die rote Laterne mittlerweile ein verlässliches Symbol für die Situation des südlichsten Bundeslandes. Das kleinste Wirtschaftswachstum und die geringste Kaufkraft treffen unbarmherzig auf die höchste Arbeitslosenrate und die stärkste Abwanderung. Schon 2030 werden rund 40.000 vorwiegend hochqualifizierte Arbeitskräfte fehlen, weil viele Menschen das Land auf der Suche nach geistiger Weite und besseren Berufsaussichten verlassen und nur wenige Zuwanderer ihr Glück in Kärnten suchen. Die Absonderung angeblich straffälliger Asylwerber an entlegenen Orten wie der Saualm oder die überfallsartige Abschiebung ganzer Ausländerfamilien bei Nacht und Nebel wirkt nicht übertrieben anziehend auf Menschen, die ein neues Zuhause suchen. Eine neue „Willkommenskultur“ ist deshalb eine der lautesten Forderungen der Unternehmen, die sich zunehmend beunruhigt fragen, wer denn in durchaus absehbarer Zukunft die Aufträge erledigen wird.

 

Doch Kärnten ist Schwierigkeiten gewohnt, der „Sonderfall“ – in Anlehnung an ein Buch des Kärntner Historikers und langjährigen KTZChefredakteurs Hellwig Valentin – reicht tief in die Vergangenheit. Namhafte Historiker meinen, die brutale Gegenreformation des ursprünglich zutiefst protestantischen Kärnten im 16. und 17. Jahrhundert würde sich heute noch in einer besonderen Ablehnung zentralstaatlicher Macht (symbolisiert durch den Wasserkopf „Wien“), in einem Hang zu Bildungsferne und Bücherscheu sowie einer starken Anhängerschaft für unreligiöse freiheitliche Ideale und einer geringen Begeisterung für die katholische ÖVP niederschlagen. Und auch die SPÖ trug hierzulande immer mit besonderem Stolz den Kärntneranzug, fiel niemals durch betont „linke“ Politik auf und hatte auch kein Problem damit, als sich Landeshauptmann Leopold Wagner als „hochrangiges Mitglied“ der Hitlerjugend outete. Ihre Wähler übrigens auch nicht. Dem „Sonnenkönig“

Wagner kommt auch die traurige Hauptrolle in einem ganz speziellen Kärntner Drama zu, das den „Sonderfall“ dokumentiert: Er wurde 1987 von seinem ehemaligen Schulkollegen, dem Lehrer Franz Rieser, auf der Toilette eines Klagenfurter Lokals angeschossen, weil sich dieser bei einer Postenbesetzung übergangen fühlte. Dieses Attentat ist – abgesehen von heute noch kursierenden paranoiden Schauermärchen um den Unfalltod von Wagners Nachfolger Jörg Haider – auch einzigartig in der jüngeren österreichischen Geschichte.

 

Wirtschaftlich jedenfalls hatte Kärnten immer zu kämpfen. Schon Ende des 19. Jahrhundert löste der Niedergang des Erzbergbaus und der Metallverarbeitung „eine lange Periode der Verarmung des Landes und des Nachhinkens in der wirtschaftlichen Entwicklung“1 aus, die Kärnten bereits damals zum Schlusslicht unter den österreichischen Bundesländern machte. Auch in Gewerbe und Industrie lief es von Anfang an nicht rund. Zwar hatte das Gewerbe schon um 1850 ein Drittel mehr Beschäftigte, aber die Industrie mehr Landtags- und Reichsratsabgeordnete. Die einen wollten stärkere Zünfte und mehr Schutz vor Konkurrenz, die anderen eine liberale Wirtschaftspolitik – am Ende verzögerte sich der ohnehin zu spät begonnene Übergang ins Industriezeitalter weiter. Denn Kärnten war ein typisches Bauernland, allerdings ohne nennenswerte landwirtschaftliche Produktion: Ein Großteil der 1902 noch fast 33.300 Betriebe waren „Zwerglandwirtschaften“ (bis zwei Hektar) und „Keuschler“ (bis zehn Hektar). Einen enormen Aufschwung erlebte hingegen 1915 die Viehwirtschaft, die 5000 Rinder pro Monat an die „Kärntner Viehverwertungsgesellschaft“ lieferte, dabei allerdings auf die Zuchtreserven vergaß und im großen Dürrejahr 1917 insgesamt 62.000 (!) Schlachttiere notverkaufen musste – 70 Prozent aller Stiere und 22 Prozent aller Kühe. Kärntens Viehbestand war dadurch auf Jahre hinaus erschöpft.

 

Die ursprünglich dominierende Land- und Forstwirtschaft verlor nach dem zweiten Weltkrieg im Zeichen des „Strukturwandels“ binnen einer Generation ihre Bedeutung. 1890 betrug der Anteil der „landwirtschaftlichen Bevölkerung“2 in Kärnten 64 Prozent, 1934 lag er immer noch bei 51 Prozent, um dann bis 1982 auf 9,7 Prozent zu schmelzen; heute sind es kaum mehr fünf Prozent. Damit einher ging ein rasanter gesellschaftlicher Wandel: In nur 25 Jahren zwischen 1950 und 1975 sank die Zahl der Pferde in Kärnten von 32000 auf unter 6000, erzählt Ulfried Burz in der Kärntner Landeswirtschaftschronik: „Demgegenüber nahm die Zahl der Omnibusse um das vierfache, die der Lastkraftwagen um das fünffache, jene der Zugmaschinen um das 17fache und die der Personenkraftfahrzeuge, in einem Vierteljahrhundert, um das 36fache zu!“3

 

Da konnte die ländliche Verkehrsinfrastruktur nicht mithalten; 1938 waren österreichweit gesehen 70 Prozent der damaligen Straßen den Zeitumständen entsprechend benützbar, in Kärnten aber nur 30 Prozent. Ende der 70er Jahre standen der Wirtschaft gerade einmal 50 Autobahnkilometer zur Verfügung. Die Folgen reichen bis heute: Nicht zuletzt wegen des mangelhaft ausgebauten Straßennetzes blieb die wirtschaftliche Entwicklung auf den besser erschlossenen Zentralraum beschränkt, während die Talschaften und entlegeneren Regionen Kärntens den Bedürfnissen des schon damals aufstrebenden „Fremdenverkehrs“ und des Gewerbes nicht gerecht werden konnten.

 

Die im Vergleich etwa mit der benachbarten Steiermark geringere Industrialisierung, die auch ab 1945 in der jahrzehntelangen Randlage an einer Systemgrenze Europas – um nicht zu sagen: der Welt – ihre Ursache hatte, war von Anfang an ein Hemmschuh für die ökonomische Entwicklung. Erst Landeshauptmann Leopold Wagner gelang es, durch die Ansiedlung der früher berühmten, später berüchtigten „verlängerten Werkbänke“ meist deutscher Konzerne die Industriearbeitsplätze deutlich zu vermehren und damit die wirtschaftliche Dynamik zu erhöhen.

 

Ein Sorgenkind der Ökonomen ist Kärnten aber bis heute geblieben: Der Raum Oberkärnten, das Soziotop der Scheuch-Brüder, liegt mit einem Bruttoregionalprodukt pro Kopf von 22.600 Euro unter 35 österreichischen NUTS-3-Regionen an 30. Stelle (Quelle: Statistik Austria, Regionale Gesamtrechnung, 2000 bis 2010) und hat gegenüber dem Vorjahr wieder 2,1 Prozent verloren. Sogar die traditionell strukturschwache West- und Südsteiermark hat Oberkärnten mit 23.000 Euro und einem Plus von beinahe zehn Prozent abgehängt. Der Zentralraum Klagenfurt-Villach weist ein BRP pro Kopf von 34.000 Euro auf, der Raum Linz-Wels kommt beispielsweise auf 44.200 Euro, Salzburg und Umgebung auf 43.000 Euro. Die Steiermark war 2011 einer Studie der Bank Austria zufolge sogar das Bundesland mit dem stärksten Wirtschaftswachstum, Kärnten blieb mit rund zwei Prozent das Schlusslicht. Den unerfreulichen letzten Platz bestätigt auch das Wirtschaftsforschungsinstitut: 2,6 Prozent plus für Kärnten, ex aequo mit Tirol Letzter. „Damit hat Kärnten als einziges Bundesland das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht“, resümiert Wifo-Studienautor Peter Mayrhofer, der die Ursache vor allem in der starken Exportabhängigkeit vom Süden und Südosten vermutet: „Genau das waren die Länder, die am meisten unter der Krise gelitten haben.“

 

Tiefe Spuren hat die Wirtschafts-, Finanz- und Staatsschuldenkrise daher auch im Arbeitsmarkt hinterlassen. Hier ist Kärnten an der Spitze zu finden – allerdings nur in der Arbeitslosenstatistik: Mit 12,7 Prozent hatte Kärnten Ende 2012 die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer, 28.688 Menschen, darunter 4000 zwischen 19 und 24, haben das neue Jahr ohne Job begonnen. Betroffen von der deutlichen Zunahme sind hauptsächlich Männer aus dem Metall- und Baubereich – und Jugendliche ohne Ausbildung.

 

Doch Krise hin oder her, die meisten Probleme in Kärnten sind hausgemacht. Wie der größenwahnsinnige, von der Politik unterstützte Expansionskurs der Landeshypobank, der in einer Landeshaftung in der irrwitzigen Höhe von 24 Milliarden Euro und der Notverstaatlichung endete. Schlusslicht Bildung: Bei einem aktuellen Vergleich der Bildungsstandards für Mathematik der achten Schulstufe in den Bundesländern landet Kärnten abgeschlagen auf dem letzten Platz. Es gibt weniger Spitzen- und mehr Risikoschüler; AHS-Schüler kommen auf 586 Punkte (Ö-Schnitt: 600), Pflichtschüler auf 491 (statt 504) – ein blamables Ergebnis für Lehrer und Politiker. Sogar beim sogenannten „fairen Vergleich“, also der Berücksichtigung von Migrationshintergrund und sozialer Herkunft, schneidet Kärnten 20 Punkte schlechter ab, als aufgrund der objektiven Rahmenbedingungen zu erwarten ist, und wird wiederum Letzter. Die Daten sind repräsentativ, immerhin wurden 80.000 Schüler der vierten Klasse AHS, Hauptschule und Neue Mittelschule getestet. Bei den Kärntner Bildungsverwaltern löste das Ergebnis blankes Entsetzen aus, die Politik will jetzt nach den Ursachen forschen.

 

Da passt ganz gut zu einer anderen Nachzüglerrolle Kärntens: Wie die österreichischen Bibliothekare festgestellt haben, leiht sich jeder Kärntner pro Jahr 0,8 Bücher aus – eine bezeichnende Zahl, die nur mehr von den Burgenändern mit einem halben Buch pro Jahr unterboten wird. Das hat klarerweise auch mit dem Angebot öffentlicher Bibliotheken zu tun: Klagenfurt ist die einzige Landeshauptstadt Europas, in der es keine gibt, und auch Mittel- und Unterkärnten sind beinahe weiße Flecken auf der Büchereilandkarte. Gerald Leitner, Geschäftsführer der Vereinigung österreichischer Bibliothekare, sieht eine Verbindung zum Umstand, dass 28 Prozent der 15-jährigen Schulabgänger in Österreich nicht sinnerfassend lesen können: „Das ist ein gesellschaftliches Problem, weil diese Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt nicht qualifizierbar sind, und ein demokratiepolitisches Problem, weil diese Jugendlichen mit schriftlicher Information nicht zu erreichen und in einen politischen Dialog einzubeziehen sind.“

 

Abgeschlagen ist Kärnten auch beim öffentlichen Verkehr: Gerade 7,1 Prozent der Pendler fahren mit Öffis zur Arbeit, beklagt der Verkehrsclub Österreich, so wenige wie nirgends sonst. Daran können auch die leerstehenden Park&Ride-Anlagen an der Peripherie der Landeshauptstadt nichts ändern. Interessant, wenn auch weniger gewichtig, sind die Schlusslichtpositionen Kärntens bei der Liebe zum Wellness-Urlaub (Spitzenreiter: Salzburg) und bei der kaufmännischen Moral: 33 Prozent der heimischen Betriebe legen dem Gericht eine alte oder gar keine Bilanz vor, klagt der Kreditschutzverband Während sich Kärnten aber mit der Steiermark das Schlusslicht bei den verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte (19.700 Euro) teilen muss, steht es in einer anderen wichtigen Disziplin einsam an der Spitze: Kärntens Vertragsbedienstete verdienen mit einem Medianeinkommen von stolzen 32.203 Euro am meisten in ganz Österreich, auch bei den Beamten schaffen nur die Vorarlberger ein höheres mittleres Bruttoeinkommen als die Kärntner Kollegen (50.613 Euro), hat der jüngste Einkommensbericht des Bundesrechnungshofes zutage gefördert. Während sich der öffentliche Dienst im ansonsten eher brustschwachen Kärnten an der Spitze der Gehaltspyramide sonnt, ist es im Erdgeschoß zugig und feucht: Dort leben die Vollzeit arbeitenden Männer, die nirgendwo in Österreich so wenig verdienen wie hierzulande, ebenso wie die Pensionisten. Im durchaus engagierten wirtschaftspolitischen Leitbild des Landes werden Kriterien und Zielgrößen aufgelistet, an denen sich Kärnten mittelfristig wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen soll. Die ersten drei Hausaufgaben lauten: 1. Steigerung des regionalen BIP je Einwohner auf den Österreichschnitt 2. Keine Nettoneuverschuldung (inkl. außerbudgetäre Neuverschuldung) bis 2015; kontinuierliche Rückführung der Schuldenquote auf den Österreichschnitt 3. Senkung des Abstandes der Arbeitslosenquote zum Österreichschnitt um jährlich 0,2 Prozentpunkte; Steigerung der Erwerbsquote auf den Österreichschnitt und Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit Nichts davon ist in den vergangenen drei Jahren gelungen. Wieder einmal steht Kärnten am Scheideweg: Tröstet man sich weiterhin mit der berückenden Schönheit des Landes über zahllose vergebene Chancen, falsche politische Entscheidungen und sinkenden Wohlstand bei steigendem Durchschnittsalter hinweg? Oder sagen die Kärntnerinnen und Kärntner endlich „Ja zu K“ und wagen in einem gemeinsamen Kraftakt einen entschlossenen Neuanfang, um ihr Land zum begehrten Wirtschafts-, Bildungs- und Lebensstandort zwischen Alpen und Adria zu machen?

 

Am 3. März hat Kärnten die Wahl.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.