Präsidenten-Talk

Präsidenten-Talk

WKÖ-PräsidentChristoph Leitl ist seit zwölf Jahren die immer optimistische, manchmal
(vor)laute Stimme der österreichischen Wirtschaft. WKK-Präsident Franz Pacher
hält die Stellung als einziger profilierter Wirtschaftspolitiker im Land. Im ausführlichen
Interview mit M.U.T. sprechen die beiden Klartext über die existentielle
Bedeutung von F & E, die große Chance Umwelttechnologie und – gegen alle
Prognosen – neue Beschäftigungsrekorde im nächsten Jahr.

 

M.U.T.: Wie steht es um die Innovationskraft der österreichischen
Wirtschaft?

Leitl: Der Hauptteil der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen wird in den Unternehmungen gemacht. In der Statistik sind wir bei 60 Prozent, in Wahrheit ist es noch viel mehr, weil kleine Betriebe mit ihren Innovationen in der Statistik nicht aufscheinen. Die Großen sind oft Nischenplayer in Österreich, aber sie sind Weltspitze. Und daher müssen sie viel in F & E investieren, um dort auch zu bleiben. Wenn das gelingt, dann können wir stolz sein.

Pacher: Wo es hochinnovative Produkte gibt, dort tun sich auch neue Geschäftsfelder auf. Unternehmen holen sich durch Innovation eine Aufladung, und das schafft neue Märkte und neue Schwerpunkte. Gemeinsam mit den Steirern startet die Wirtschaftskammer Kärnten ein Projekt, wo wir speziell Betriebe, die übergeben werden oder die übernommen werden, durch einen Innovationsprozess neu aufladen und schauen, mit welchen neuen Produkten kann man dieses Unternehmen auf Zukunftskurs bringen.

 

Spielt Kärnten hier eine besondere Rolle?

Leitl: Kärnten ist bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung ein starkes Bundesland. Hier gibt es zum Beispiel eine sehr gut ausgeprägte Energie- und Umwelttechnologie. Da wäre es gescheit, die Förderungen für Projekte in diesem Bereich von zehn auf 20 Prozent zu erhöhen, weitere zehn Prozent soll die Europäische Union dazugeben, die ja mit dem 2020-Ziel „Climate Change“ auch ein Programm hat. Dann hätten wir 30 Prozent, das ist ein starker Hammer für die Innovationstätigkeit.

Pacher: Wir arbeiten schon an einem Masterplan für alternative Energien in Kärnten, um die in den vorhandenen, starken Leitbetrieben gebündelte Kompetenz auf den Märkten besser zur Geltung zu bringen. Kärnten hat das Zeug dazu, eine Vorreiterrolle in Sachen Umwelttechnologien und erneuerbare Energie einzunehmen – das passt zu unserem Know-how ebenso wie zum sanften Tourismusimage.

 

Wie innovativ ist Österreich im Vergleich?

Leitl: Die skandinavischen Länder und Deutschland sind stärker, Österreich steht am oberen Teil des zweiten Drittels. Wir haben aufgeholt, aber wir stellen auch fest, dass sich auf der Welt alle bemühen. Wir haben vor ein paar Jahren noch gesagt, Europa hat die Chance in der Innovation, die anderen in der Produktion – heute sind alle Kontinente bemüht, die Weltspitzenposition zu erobern. Wo werden die Autos der Zukunft entwickelt? In China. Wo werden die Solarpaneele gebaut? In China. Wo wird die Software entwickelt? In Indien. Wer ist den Amerikanern im Flugzeugbau auf den Fersen? Die Brasilianer. Wir müssen schon sehen, dass wir das derzeitige
Wohlstandsniveau im härter werdenden Wettbewerb verteidigen müssen – wenn wir
nicht verstärken, werden uns andere ein- oder überholen. Daher ist Innovation
und Qualifikation – die Abkürzung ist IQ, das hat nicht ohne Grund mit dem Intelligenzquotienten zu tun – besonders wichtig.

 

Was muss Österreich tun, um sich zu behaupten?

Leitl: Nachdenken, warum wir bei PISA ganz hinten sind; aber uns auch freuen, dass wir bei der Berufsausbildung im dualen System Europameister sind. Das heißt: Wir können‘s! Jetzt müssen wir nur noch in der Berufsausbildung die Durchgängigkeit nach oben schaffen, in den Hochschulsektor. Nicht damit jeder auf die Hochschule geht, aber der Jugendliche muss die Chance dazu haben – damit ist der ganze Sozialprestigefaktor bei der Ausbildungsentscheidung weg. Wir müssen sagen können: Junger Mensch, wir haben für dich das beste Ausbildungssystem für deine Lebensvorstellungen, Wünsche und Hoffnungen, damit du eine berufliche und eine schulische Ausbildung in
Kombination erhältst. Genau so möchte ich Absolventen der AHS, bevor sie in
irgendein Studium an einer überfüllten Universität hineinstolpern, eine
Berufsausbildung anbieten. Das heißt: Jeder junge Mensch in Österreich soll die
Chance haben, mit 19 Jahren einen schulischen und einen beruflichen Abschluss
zu haben. Dann steht ihm die Welt offen – was immer er dann draus macht.

 

Was geschieht mit jenen, die aus dem System herausfallen?

Leitl: Wir haben jährlich 10.000 junge Menschen in Österreich, in Kärnten sind es rund 500, die nach der Pflichtschule oder dem Abbruch einer Lehre nichts machen. Das sind die Arbeitslosen der Zukunft. Da wollen wir eine integrative Berufsausbildung anbieten, also sie nicht in eine Schule hineinpressen, sondern mit einem Coaching schauen, wo sind ihre Begabungen, und ihre Talente mit begleiten, damit diese jungen Leut‘ ein bisschen Selbstbewusstsein kriegen, ein bissl Erfolgserlebnisse haben, dann eine Freude
haben und sich gut entwickeln. Zusammen mit einer Potentialanalyse der 13-,14-Jährigen kann man dann die Chancen unserer tollen Berufe herzeigen, da sollte aber auch mindestens ein Elternteil dabei sein, weil solche Entscheidungen zu 70 Prozent von den Eltern beeinflusst werden. Das ist auch meine einzige Forderung, die ich ans Schulsystem habe: begabungs- und talenteorientiert statt dienstrechts- und besoldungsorientiert.

 

Die Reform des Schulsystems wird noch dauern – wie halten wir bis
dahin unseren wirtschaftlichen Vorsprung?

Leitl: Meine Forderung ist: Schwerpunkte setzen. Österreich kann nicht überall Weltspitze sein, aber wir haben Schwerpunkte, zum Beispiel im Thema Verkehr und Mobilität, Infrastruktur, Gesundheitswesen, das ist in einer aging society das Zukunftsmegathema. In diesen spezifischen Bereichen müssen wir die Kräfte bündeln: Von der speziellen Ausbildung – da schließt sich der Kreis – von Energie- und Umwelttechnikexperten über den Berufsverlauf bis hin zu einem intensiven Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: Assistenten von Hochschulen sollten ein Semester lang Assistenten von Unternehmern werden. Die Assistenten haben den Vorteil, die Praxis kennenzulernen und davon unheimlich zu profitieren. Der Unternehmer hat den Vorteil, dass er die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse für seine Innovationen nutzen kann. Das zusammenzuführen, ist eine spannende Sache. Insgesamt muss man sagen, dass der Forschungs- und Bildungssektor dank der
Bundesregierung gestärkt wird – aber nicht so, wie es notwendig wäre, dass wir
dem erhöhten europäischen und internationalen Wettbewerb im Innovationssektor
standhalten können.

 

Wie schätzen Sie die konjunkturelle Entwicklung ein?

Leitl: Die europäische Wirtschaft schrumpft, die österreichische wächst. Und ich gebe heute eine Erklärung ab, Sie können mich überprüfen: Wir werden nächstes Jahr wieder eine neue Rekordbeschäftigungsmarke erreichen. Die österreichischen Betriebe werden mehr Arbeitsplätze haben als heuer, und heuer hatten wir mehr als voriges Jahr.

 

Aber die Arbeiterkammer hat soeben mit einer negativen Studie
über die Beschäftigungsentwicklung aufhorchen lassen.

Leitl: Dann soll die Arbeiterkammer diese Prognose zum Anlass nehmen, den Unternehmern manche Rahmenbedingungen zu erleichtern, damit es ihnen gelingt, wieder mehr Menschen zu beschäftigen. Wir haben nichts davon, wenn wir alle sagen, nächstes Jahr wird so schlecht. Wir wissen, es wird schwieriger. Aber das ist für mich eine positive Herausforderung und kein Grund zur Entmutigung. Innovation bedeutet Motivation: Wer über Neues nachdenkt, hat schon halb gewonnen, weil er sich mit positivem Denken beschäftigt. Wer herumjammert, hat schon halb verloren. Da hat die
Wirtschaftskammer die Aufgabe, den Optimismus zu fördern – ich bin da also eine
Art Mentalcoach.

 

Und wie hält sich die Kärntner Wirtschaft?

Pacher: Insgesamt geht’s der Wirtschaft gut, weil die Export-Unternehmen nach wie vor sehr erfolgreich sind. Aber wir spüren schon, dass unsere unmittelbaren Märkte – speziell Italien, Slowenien – große Probleme haben, und das wirkt sich natürlich auf die Außenwirtschaft aus. Gott sei Dank haben wir uns in der Zwischenzeit auf anderen Märkten umgesehen – das zeigt, wie wichtig es ist, den Radius der Aktivitäten in der Außenwirtschaft zu erhöhen: Das kommt uns jetzt in der Krise, wo die europäischen Märkte Schwierigkeiten haben, sehr zu Gute.

 

Sind auch neue Exportrekorde in Sicht?

Pacher: Kärnten verdient schon heute jeden zweiten Wohlstandseuro im Export – mit neuen Rekorden rechnen wir daher nicht, sondern eher mit dem Halten der derzeitigen Position. Vor allem, weil wir sehen, dass man in den angespannten Märkten und mit herkömmlichen Produkten derzeit Schwierigkeiten hat. Denken Sie an den schwierigen Holzbereich: Da muss man schauen, dass man das in anderen Bereichen auffangen kann.

Das Kärntner Technologie-Aushängeschild Infineon hat soeben hundert
Leiharbeitskräfte abgebaut.

Leitl: Wir wissen, dass noch immer die Unsicherheiten im Finanzsystem nicht beseitigt worden sind – oder ich möchte es anders sagen: Die Spekulanten sind nach wie vor unterwegs. Wir wissen, was die Gründe der Krise 2009 waren – aber wir haben nichts getan, um eine weitere solche Krise zu verhindern, weil die Finanzjongleure stärker sind als die Politiker, sie operieren weltweit, währenddessen die Politik nicht imstande ist, sich weltweit zu organisieren. Die G20 gibt es zwar, aber sie bringen nichts
zusammen. Das ist die Hauptbedrohung von außen. Deshalb gibt es immer noch
diese Unsicherheit, die bis ins Bankensystem hineingeht – deshalb wird weniger
investiert, weniger exportiert, weniger zugeliefert, gibt es weniger Beschäftigung
– und da sind wir bei Infineon. Die Lösung durch klare Spielregeln für den
internationalen Finanzsektor wäre für mich der erste Punkt: Wenn wir den nicht zustande bringen, werden auch die nächsten Jahre eher schwankend als stabil.

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