StadtSaffäre

Was macht eine Stadt aus? Was unterscheidet sie von den dörflichen Kleinstrukturen, die heimelige Geborgenheit ebenso vermitteln wie provinzielle
Engstirnigkeit? Wie entsteht urbanes Flair? Die Antworten auf diese Fragen sind für das Bundesland Kärnten zukunftsentscheidend: Gelingt die Schaffung eines  urbanen Raumes als neues Zentrum des Bundeslandes – oder bleiben Klagenfurt und Villach jene größeren Dorfer mit städtischen Einsprengseln, die sie heute sind?

 

Die Gefahren des Wandels

Schon heute leben 60 Prozent der Einwohner der EU in Städten mit
mehr als 50.000 Einwohnern – und Städte werden künftig eine noch viel größere Rolle
spielen. Für das ländlichidyllische Kärnten, das im Gegensatz zu den meisten
anderen Bundesländern vom Fehlen eines grosstädtischen Kerns gekennzeichnet ist,
bedeutet das tiefgreifende Veränderungen. Denn der bereits vor mehreren Jahren
prognostizierte demografische Wandel in Kärnten ist in vollem Gang, auch wenn
seine schleichenden Auswirkungen mit freiem Auge kaum feststellbar sind. Die
Wirtschaftskammer Kärnten hat daher das IHS beauftragt, in einer Studie exakt
herauszuarbeiten, welches Arbeitskräfteangebot und welche Arbeitskräftenachfrage
es in 20 Jahren geben wird. Welche Qualifikationen sind vorhanden, welche
werden in 2030 fehlen, was bedeutet das für Gesellschaft, Politik und
Wirtschaft? Die Zahlen in der Studie sind ernüchternd:

 Kärnten ist das einzige Bundesland Osterreichs, dessen Bevölkerungsentwicklung bis 2030 stagniert.

 Die Randbezirke Hermagor, Wolfsberg, St. Veit/Glan, Spittal/Drau und Völkermakt haben in den vergangenen Jahren schon rund fünf Prozent ihrer Bevölkerung verloren – dieser Trend wird sich verstärken.

 Die Alterung der Bevölkerung schreitet drastisch voran, die Zahl der Erwerbstätigen sinkt.

 Kärnten liegt sowohl bei der Erwerbsbeteiligung wie auch bei der Arbeitslosenquote an letzter Stelle im osterreichweiten Vergleich. Die Erwerbstätigenquote bei Frauen ist nochmals drastisch niedriger.

 Das bedeutet: 2030 werden der Kärntner Wirtschaft rund 40.000 potentielle Erwerbstätige fehlen.

 Besonders dramatisch ist die Situation, wenn man die fehlenden Arbeitskräfte nach Qualifikation betrachtet: So wird es genug Pflichtschulabgänger geben, allerdings werden knapp 30.000 Arbeitskräfte mit einer Lehrausbildung oder berufsbildenden mittleren Schule fehlen – und ca. 17.000 Akademiker (UNI, FH).

 

WK-Präsident Franz Pacher lies bei der jüngsten Sitzung des Wirtschaftsparlaments
keinen Zweifel an der Dramatik der Situation: „Wenn es uns nicht gelingt, die
gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen so zu ändern, dass es zu einer erhöhten
Erwerbsbeteiligung älterer Menschen und Frauen kommt, eine gezielte
Migrationspolitik betrieben wird und Investitionen in Bildung absoluten Vorrang
haben, dann sehe ich den Wohlstand im Lande gefährdet.“

 

Zentralraum im O-Schnitt

In den dezentralen Gegenden Kärntens ist diese trübe Prognose bereits
Realität. Von den 35 nach der Wirtschaftskrise 2009 untersuchten österreichischen
NUTS 3-Regionen liegt Oberkärnten an 27. Stelle mit einem Bruttoregionalprodukt
(BRP) von 22.900 Euro je Einwohner (-3,1 Prozent), das Kärntner Unterland nimmt
den 28. Platz ein (22.800 Euro BRP je Einwohner, -6,8 Prozent). Oberkärnten war
von der negativen Entwicklung der Baukonjunktur stark betroffen, während in Unterkärnten das produzierende Gewerbe kräftige Ruckgange hinnehmen musste. Insgesamt wurde Kärnten von der Krise am schlimmsten erwischt: -4,7 Prozent betrug laut Statistik Austria der Rückgang beim nominellen Bruttoinlandsprodukt (BIP), im
Osterreich-Schnitt waren es -2,8 Prozent; dennoch konnte Kärnten im Bundesländervergleich Platz sieben vor Niederösterreich und dem Burgenland halten. Betrachtet man die Kärntner Regionen im Detail, betrug der BIP-Verlust im Zentralraum -4,3 Prozent, mit einem Bruttoregionalprodukt pro Einwohner von 32.200 Euro liegt
man hier an 13. Stelle der NUTS 3-Regionen. Zum Vergleich: Linz-Wels fuhrt vor
Wien mit einem BRP von 43.600 Euro pro Kopf.

 

Welke Rose vom Wörthersee

Das Land schrumpft, die Städte wachsen. Aber noch ist Klagenfurt vom
visionären Ziel des Vizebürgermeisters und Kulturreferenten Albert Gunzer weit entfernt, das er auf der Kulturwebsite der Landeshauptstadt verkündet: „Als
Kulturreferent… ist es mein Anliegen, die Weiterentwicklung der Stadt zur pulsierenden
kulturellen und wirtschaftlichen Drehscheibe im Alpen-Adria-Raum zu forcieren.“
Denn dieser ebenso geografisch wie philosophisch definierte Lebensraum zwischen
blauem Meer und hohen Bergen, dessen sich in Kärnten schon eine mittlerweile
recht ramponierte Bank und eine in personelle Kalamitaten verwickelte Universität
bedienen, ist eine harte Gegend für die „Rose vom Wörthersee“. Zwischen Laibach,
Triest, Udine, Salzburg und Graz wartet genau niemand auf die Kleinstadt im
gleichnamigen Becken, die ihren Bewohnern einen der schönsten Seen des
Alpenbogens, aber auch monatelange Nebellagen im Herbst bietet, vom lachhaften
Horizont der Stadtregierung ganz zu schweigen.

 

Das Eckige muss ins Runde

Der bislang letzte Versuch Klagenfurts, zu überregionaler Bedeutung
aufzusteigen, wird Burger und Politik noch lange teuer zu stehen kommen: Die Fußball-Europameisterschaft 2008 sollte den Minimundus-Schauplatz zur brodelnden Fußballmetropole machen. Doch die Zuschauer blieben ebenso aus wie die befürchteten Randale, und am Ende standen ein mit viel Steuergeld Pleite gegangener Fußballklub und viel zu großes und bis heute provisorisches Stadion, das wie ein Klotz am Bein der finanziell ohnehin klammen Stadt hangt. Immerhin hat Klagenfurt es geschafft, eine der
ehernen Regeln des Fußballsports neu zu definieren: Statt „Das Runde muss ins
Eckige“ kam am Wörthersee das Eckige (die Geldscheine) ins Runde (den
Misteimer).

 

Angelegt im Hafen 11

Aber es gibt auch urbane Lebenszeichen in der Landeshauptstadt: Das
Stadttheater wird unter seinem neuen Intendanten Florian Scholz versuchen, an
die Erfolge der Ara Dietmar Pflegerl anzuknüpfen. Der Wörthersee Ironman und
das Beach Volleyball Grand Slam sind Veranstaltungen internationalen Formats.
Im historischen Lendhafen hat sich sogar eine großtädtische Keimzelle
eingenistet: Im Herbst 2011 wurde hier das Projekt „Hafen 11“ als erster geforderter
„CoWorking Space“ für Kreativwirtschaftstreibende in Klagenfurt eröffnet. Ein
rundes Dutzend kleiner Firmen und Vereine – darunter Fotografen, Architekten
und PR-Firmen – hat sich im mittelalterlichen Ambiente angesiedelt und den Ort
wieder belebt. Eine weitere sichere Messlatte der Urbanität ist auch der Umgang
mit dem Fahrrad, wobei in dieser Disziplin das dänische Kopenhagen den Ton
angibt. Wo es dort eine ganze Abteilung von Spezialisten gibt, die die
Radtauglichkeit ihrer Stadt verbessern, wird diese Materie im Klagenfurter Magistrat
zweitrangig miterledigt. Das Radwegenetz der Kärntner Landeshauptstadt ist
daher buchstäblich ausbaufähig, wie es auch immer noch keinen komfortablen,
durchgängigen Radweg rund um den Wörthersee gibt – in Zeiten des boomenden
Radtourismus ein Versagen der Tourismusverantwortlichen erster Gute. Im
klassischen Pendlerland Kärnten arbeitet bereits weit mehr als die Hälfte der
Erwerbstätigen nicht an ihrem Wohnort. In Klagenfurt fallen täglich rund 30.000
Pendler ein, und zwar nicht mit dem Fahrrad. Durch den Ausbau der Schnellbahn hat
sich allerdings die Qualität der Verbindungen und damit die Attraktivität der
Bahn deutlich verbessert, was in Verbindung mit den hohen und weiter steigenden
Spritkosten einen spurbaren Lenkungseffekt haben wird.

 

Airport in Turbulenzen

Ein weiterer Messpunkt für die tiefe Kluft zwischen internationalem Anspruch und provinzieller Realität ist der Klagenfurter Flughafen: Mit vielen Millionen an Steuergeld wurde hier seit Jahren der Eindruck umtriebiger Geschäftigkeit durch finanzielle Abenteuer mit den Piraten des Luftraumes, den Low-Cost-Carriern, aufrechterhalten. Die wichtigen Linienverbindungen zur Welt (VIE, FRA, MUC, ZRH) wurden allerdings immer schütterer, die Passagierzahlen sanken bedrohlich. Laibach (LJU) wird immer mehr zur übermächtigen Konkurrenz, das im Marz eröffnete Villach Air Terminal (VAT) will mittelfristig sogar einen Offsite-Check-in samt Gepäckabgabe einrichten und arbeitet eng mit dem gut ausgebauten und rasch erreichbaren Flughafen in Brnik zusammen. Zu allem Überdruss hat auch noch die EU ein Verfahren eingeleitet, um die öffentlichen Subventionen an den Flughafen Klagenfurt aus wettbewerbsrechtlicher Sicht zu prüfen. Im vergangenen Jahr sollen es immerhin 400.000 Euro gewesen sein. Jetzt schieben sich Tourismus und Flughafenmanagement gegenseitig den Schwarzen Peter zu, und die Geschäftsführerin der Industriellenvereinigung, Claudia Mischensky,
fordert ganz offen den Kopf von Airport-Chef Johannes Gatterer. Ein guter
Zeitpunkt, steht doch sein Vertrag im Juni zur Verlängerung an.

 

Internationale Schule kommt

Neben der Verkehrs- zahlt die Bildungsinfrastruktur zu den wichtigsten
Waffen im harten innereuropäischen Standortwettbewerb. Sollen in Zukunft hochqualifizierte Migranten den Platz der fehlenden einheimischen Fachleute einnehmen, sind internationale Ausbildungsmöglichkeiten für deren Kinder eine Vorbedingung. Nachdem die FPK-dominierte Landespolitik sich lieber in Realitätsverweigerung übt und glaubt, das Problem mit Fruchtbarkeitsparolen losen zu können, haben Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Diakonie Kärnten bereits einen ersten Schritt gesetzt: Seit einem Jahr gibt es an der Klagenfurter Montessorischule der Diakonie de La Tour eine Klasse, in der die Schuler von der ersten bis zur vierten Schulstufe von zwei Montessori-Pädagoginnen gleichberechtigt in Deutsch und Englisch unterrichtet werden. Dieses Angebot richtet sich an Familien aus
dem Ausland, aber auch an Osterreicher, die bei internationalen Konzernen
arbeiten und auf eine flexible sprachliche Ausbildung ihrer Kinder Wert legen.
Doch damit will es die Wirtschaft nicht bewenden lassen und arbeitet derzeit
mit Hochdruck an weiterführenden internationalen Schulangeboten.

 

Ewige Rivalitat

Am anderen Ende des Kärntner Zentralraums liegt Villach, die ewige
Rivalin Klagenfurts und aus Sicht ihrer Bewohner mindestens zweite
Landeshauptstadt. Im Gegensatz zur „Beamtenstadt“ Klagenfurt pflegt Villach
gezielt sein Image als mediterran, weltoffen und lebenslustig, was durch die Nähe
zu Italien und Slowenien, den international ausgerichteten Infineon-Standort
und die größten Brauchtumsfeste Osterreichs unterstutzt wird. Eine der
treibenden Kräfte einer weiteren Urbanisierung Villachs ist Stadtrat Peter
Weidinger, der mit Projekten zur innerstädtischen Sicherheit und Bildungsinitiativen wie der Summer University auf sich aufmerksam gemacht hat. Für ihn sind die Innenstadtbelebung und ein professionelles Standortmarketing die brennenden Themen. „Von den Besten lernen“ nennt er seine Veranstaltungsreihe,
bei der Experten aus Kärnten und darüber hinaus Beispiele erfolgreicher Strategien
präsentieren. „Städte wie Villach haben allein in Europa 10.000 Mitbewerber. Unser
USP ist eine spannende Position im Alpen-Adria-Raum, damit müssen wir uns
Alleinstellungsmerkmale schaffen und die Ärmel aufkrempeln“, steckt Weidinger
den Kurs ab. Er will über den Tellerrand blicken und eine gemeinsame
Positionierung des Lebensraumes mit Klagenfurt, Udine und Laibach erreichen.

 

Klagenach oder Villafurt

Auch wenn es noch viele Herausforderungen zu meistern gibt auf dem
Weg zu einem urbanen Zentrum Kärntens, sind die Aussichten dennoch verlockend. Nach mehreren EU- und länderspezifischen Studien ist die Lebensqualität in kleinen
und mittleren Städten am höchsten. „60 Prozent der EinwohnerInnen der EU leben
heute in Städten mit mehr als 50.000 EinwohnerInnen. In Osterreich leben 45
Prozent der Bevölkerung in einer der 73 österreichischen Städte mit 10.000 und
mehr EinwohnerInnen. Osterreich wird sich dem Trend ‚Hinein in die Stadt‘
weiterhin nicht entziehen können“, sagt dazu Thomas Weninger, Generalsekretar des
Österreichischen Städtebundes. Entscheidend für die Zufriedenheit der Burger ist
dabei eine hohe Anzahl von Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen in den
Themenfeldern Gesundheit, täglicher Bedarf, Gastronomie, Bildung und Kultur,
Banken und Finanzen, Freizeit, Dienstleistungen und Medien. Wenn dazu noch eine
Prise urbanes Lebensgefühl käme – dem Aufstieg der neuen Grosstadt
Klagenach-Villafurt stunde nichts mehr im Wege.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.