Am Ende des Tales

Die Zeit ist stehen geblieben in der Heft, Schauplatz der viel gefeierten Landesausstellung „Grubenhunt und Ofensau“ 1995. Und zwar kurz nach halb zwei, wie die Uhr auf der sichtlich verwaisten Gastwirts chaft beharrlich anzeigt. Was der vielzitierte „wirtschaftliche Impuls für die gesamte Region“ hätte werden sollen, ist verklungen wie die hoffnungsvollen Eröffnungsansprachen, verhallt wie die hochtrabenden Nachnutzungspläne der von Berufs wegen zuversichtlichen Politiker.

Denn so wenig Leben wie auf dem Zifferblatt herrscht im gesamten Gebäude, für dessen heute noch imposanten Entwurf Kärntens Star-Architekt Günther Domenig mit dem Landesbaupreis ausgezeichnet wurde. 90 Millionen Schilling, heute wären es 6,5 Millionen Euro, hat es die öffentliche Hand den Staatsbürger kosten lassen. Geblieben ist eine kühne Stahl- und Glaskonstruktion, von Domenigs Genie eingefügt in die Reste der historischen Industriekolosse „Johann-Ernst” und „Pulcheria”, wie die beiden Hochöfen heißen, die der Gegend einst Arbeit und Wohlstand schenkten. Immerhin war das ferrum noricum über fast ein Jahrtausend lang ein begehrter Exportartikel, die Landschaft um Hüttenberg und Knappenberg eines der Bergbauzentren Österreichs. 1492, als Kolumbus seinen Fuß erstmals an die Küste einer Karibikinsel setze und glaubte, einen neuen Kontinent entdeckt zu haben, verlieh Kaiser Friedrich III. den Hüttenbergern bereits ein eigenes Wappen. Vom früheren Glanz ist noch weniger übrig als der ursprünglichen Bausubstanz. Zitat Wikipedia: „Die Hochöfen in der Heft wurden 1901 und 1908 stillgelegt. Seit der Schließung des Bergbaubetriebes 1978, der im Zweiten Weltkrieg seinen Höhepunkt erreichte, herrscht wirtschaftlicher Niedergang, Einwohnerverlust und eine damit einhergehende Überalterung der Bevölkerung. Unter anderen erfolgte die Abwanderung fast aller lange verwurzelter Gewerbebetriebe, die Schließung des Bahnhofs und die Aufgabe des Gleiskörpers.“ Die Eisenbahntrasse, lange Zeit die wirtschaftliche Lebensader, auf der das aus dem Gestein geschmolzene Metall das enge Tal verließ, soll nun – wie in anderen Bundesländern vorgezeigt – als Radweg genutzt werden; wer ihn befahren wird, weiß niemand. Denn die Zahl der Fans von Heinrich Harrer, des größten Sohnes der Ortschaft, Tibet-Erkunders und Freund des Dalai Lama, dessen abenteuerliches Leben sogar mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt wurde (Sieben Jahre Tibet) sind überschaubar. Ein hochfliegendes exotisches Hotelprojekt mit eigener tibetanischer Universität wurde jahrelang mit Hilfe dubioser russischer Investoren künstlich am Leben erhalten und kürzlich von der Landespolitik endgültig eingesargt, und auch der Ansturm der Freunde österreichischer Bergbaugeschichte hält sich in Grenzen. Aus den viel versprechenden Nachnutzungskonzepten der Landesausstellung, aus deren Anlass auch gleich sämtliche Fassaden und Dorfplätze am Ende des Görtschitztales saniert wurden, ist nichts geworden; zu lasch war die Politik, zu knapp die Kassa. Im Landesausstellungsgebäude weist ein Plakat auf die „Biennale Austria“ hin – das war 2006. Domenigs preisgekrönter Bau aus Stahl und Glas leidet in der Einsamkeit, schon machen sich erste Spuren des Verfalls bemerkbar. „Johann-Ernst” und „Pulcheria” harren hier aus seit 1857; auch wenn ihr Herz schon lange kalt ist, werden sie noch an ihre stolze Zeit erinnern, wenn über die Reste der Landesausstellung bereits das Gras wächst.

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